Frau genug für WM Sieg? Caster Semenya in Berlin

Bild: atheletics.org.za
Bild: athletics.org.za

Am 19. August gewann die achtzehnjährige Caster Semenya Gold bei der Leichtathletik-WM in Berlin. Ob sie es behalten darf, liegt in der Hand eines “multiprofessionellen Teams”, das in den nächsten Wochen feststellen wird, ob Caster Semenya Frau genug ist.

Was war geschehen?

Caster Semenya, geboren am 7. Januar 1991, tritt für Südafrika auf Mittelstrecken-Distanzen an.

Sie nahm 2008 an den Jugend-Weltmeisterschaften teil und gewann im selben Jahr Gold über 800 Meter bei den Commonwealth Youth Games mit 2:04.23. Bei den Afrikanischen Jugendmeisterschaften 2009 verbesserte sie ihre Zeiten deutlich auf 1:56.72 für 800 Meter, wobei sie ihre bisherige persönliche Bestleistung um fast vier Sekunden toppte; weiterhin gewann sie  mit 4:08.01 Gold auf 1.500 Meter.

Bei der Leichtathletik-WM in Berlin gewann sie die 800 Meter mit einer Zeit von 1:55.45 – ihre persönliche Bestzeit.

So sah das spannende Rennen aus:     


 

In den Wochen vor der WM hatte es bereits Spekulationen über das Geschlecht von Caster Semenya gegeben. Die IAAF hatte einen Test in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse liegen wegen der aufwändigen Untersuchungen noch nicht vor. Semenya selbst sagt, sie mache sich keine Sorgen wegen des Tests oder wegen der Gerüchte.

In Südafrika selbst hat das Vorgehen der IAAF Proteste hervorgerufen. Sowohl der südafrikanische Leichtathletikverband als auch die Familie von Caster Semenya haben die Spekulationen zurückgewiesen.

Im Jahr 2006 war bereits einer Sportlerin in Folge einer Geschlechtsfeststellung nachträglich eine Medaille aberkannt worden. Santhi Soundarajan hatte, ebenfalls auf 800 Metern, im Dezember 2006 bei den Asien Games eine Silbermedaille gewonnen.

Obwohl das Geschlecht von Athletinnen und Athleten nicht mehr standardmäßig im Vorfeld internationaler Sportwettbewerbe festgestellt wird, ist die IAAF berechtigt, jederzeit solche Tests durchzuführen. Sie beinhalten ausführliche Untersuchungen, an den mit Gynäkologie, Genetik, Endokrinologie, Psychologie und innerer Medizin zahlreiche medizinische Disziplinen beteiligt sind.

Grund zur Aufregung? Ja!

Aufregend ist daran eigentlich …. alles. Die Tatsache, dass es überhaupt eine Rolle spielt, ob eine Person Frau oder Mann ist. Klar: für die Teilnehmenden geht es um Geld, Ruhm und Ehre, und wenn die Ehre einer Frau einige Minuten länger verkraftet, muss es bei diesen Wettbewerben, scheint’s, getrennte Wettkämpfe geben. Und wenn es diese Trennung gibt, weil sie für fair gehalten wird und weil sie verabredet wurde, muss sie auch nachvollziehbar sein.

Wie damit umzugehen ist, liegt jedoch keineswegs so klar auf der Hand. Und viele der Begründungen, mit denen nationale und internationale Presse ihre ganz persönlichen Zweifel am biologischen – um kein anderes geht es hier – Geschlecht Caster Semenjas einem Millionenpublikum nahebringen, sind widerlich. Ganz zu schweigen von den Erklärungsversuchen.

Da informiert beispielsweise Claus Dieterle in der online Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen mit ganz eigener Schwerpunktsetzung über den Unterschied zwischen Frauen und Männern:

Das Fehlen männlicher Geschlechtsorgane liefert noch keinen Beweis.

Sowas zu lesen fühlt sich einfach scheußlich an: Eine Frau ist mehr als die Summe ihrer fehlenden männlichen Geschlechtsorgane.

Da wird herangezogen, dass derzeit keine andere so schnell laufen kann, deshalb sei es verwunderlich, dass bisher noch nicht überprüft worden sei, ob sie wirklich eine biologische Frau sei. Zur Information: Es geht um Unterschiede von knapp zweieinhalb Sekunden auf 800 Meter (–> Ergebnisliste).

Da wird, auch FAZ.net, ein Bericht ihres Trainers herausgekramt, nach dem ihr einmal fast der Zutritt zu einer Frauentoilette verwehrt worden sein soll.

Das Hamburger Abendblatt weiß noch mehr:

Die beste Freundin der 800-m-Weltmeisterin sagte, Semenya habe nie Interesse an einem Freund gehabt. “Sie mag keine Jungs.”

Da wird in mehreren Zeitungen mitgeteilt, dass zuerst Doping vermutet worden war, denn ohne Doping könne keine Frau so schnell laufen. Leider sei der Test dann negativ gewesen.

Eine Frau ist mehr als die Summe ihrer fehlenden männlichen Geschlechtsorgane

Da werden von BILD mysteriöse Verschwörungstheorien um einen vor-vor-letzten südafrikanischen Trainer mit DDR-Vergangenheit entwickelt, der mit geheimnisvollen Hormoncocktails firm sein soll. BILD liegt hierbei auf einer Linie mit der Basler Zeitung, die fremde Mächte vermutet:

Stecken habgierige Funktionäre und ein DDR-Dopingarzt dahinter?

All das, damit eine Frau, die schneller läuft als man von ihr erwartet, keine Frau ist. Oder wenn, dann keine normale. Oder wenn irgendwie doch eine Normale, dann eine medikamentös manipulierte.

Spiegel online findet es komisch, sprachlich eine Nähe zwischen Kriminalität und Geschlechtschromosomen von Caster Semanya herzustellen:

Geschlechtstest bei Leichtathletik-WM. XY ungelöst

“XY ungelöst” begeisterte auch die diesmal gar nicht alternativen JournalistInnen von der taz. Und die Journalisten Hungermann und Bodderas in der Welt können ein “sie” nicht stehen lassen, wenn sie einmal Fehlgeschlechtlichkeit gewittert haben, denn, so vermuten sie “das Ergebnis könnte (Semenya) selbst überraschen”:

„Es ist ein sensibles Thema“, sagte IAAF-Mediendirektor Nick Davies: „Das hat mit Doping nichts zu tun. Sie ist einfach nur sie.“ Oder er.

Tatsächlich ist es eher ein Medienhype. Die unterlegenen Läuferinnen, wie auch der Rest der Sportwelt, verhalten sich mehr als anständig, normal eben:

„Ich bin zufrieden mit meiner Position“, sagte die Zweitplatzierte Kenianerin Jepkosgei. Die Britin Meadows war mit Bronze glücklich: „Die Nachforschungen überlasse ich der IAAF.“

(zitiert aus Welt online)

UPDATE vom 6. Juli 2010 hier: Caster Semenya wieder am Start

Links und Quellen:

  • Caster Semenya, intersexnews.blogspot.com, 21.8.2009   (engl.)
  • Tranny-Alarm bei Leichtathletik-WM, queer.de, 20.8.2009  
  • Mark Ouma: South African teen Semenya stuns with 1:56.72 800m World lead in Bambous – African junior champs, Day 2, iaaf.org, 31.7.2009 (engl.)
  • “It’s My Girl”, Gespräch mit der Mutter von Caster Semenya auf bbc.co.uk (Video, engl.)
  • Interview mit Caster Semenya von letsrun.com bei YouTube (Video, engl.)
  • Semenya dismissive of gender row, bbc.co.uk, 21.8.2009 (engl.)
  • Wikipedia-Eintrag zu Santhi Soundarajan (engl.)
  • Claus Dieterle: Ist diese Lady eine Frau, faz.net 20.8.2009
  • Ex-Trainer: Caster Semenya ist ein Zwitter, bild.de 21.8.2009
  • J. Hungermann und E.Bodderas: Semenya könnte der Test selbst überraschen, Welt.de 20.8.2009
  • Sascha Rhyner: Stecken habgierige Funktionäre und ein DDR-Dopingarzt dahinter?, Basler Zeitung 21.8.2009
  • E. Eggers und M. Völker: XY ungelöst, taz.de 21.8.2009
  • Aufruhr in Südafrika wegen Geschlechtstest, Hamburger Abendblatt 21.8.2009
  • Jan Reschke: Geschlechtstest bei Leichtathletik-WM. XY ungelöst, spiegel.de 20.8.2009

3 Gedanken zu „Frau genug für WM Sieg? Caster Semenya in Berlin“

  1. Bild war doch noch ziemlich “auf dem Boden”. Eigentlich hätte man doch Schlagzeilen erwarten können wie: WM 2009, Roswell – die Nachfahren der Aliens”

    “Erschreckende Folgen des Klimawandels – Frauen überholen Männer in Leistung”

    “Neue Geheimwaffe der Al-Quaida”, usw.

    Am Ende stellt man fest, sie ist ne Frau. Und dann müssen sie wahrscheinlich weitersuchen “wie das möglich ist” Denn was nicht sein darf, das kann nicht sein, das gibt es nicht.

    SiriusAschere

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