Sichtbare Lesben auf dem CSD in Frankfurt

Lesbenblock CSD Frankfurt 2009„Lesbisch stolz präsent“ stand auf einem der Schilder, die beim diesjährigen Lesbenblock während der Frankfurter CSD-Parade getragen wurden. Denn genau das galt es zu zeigen: Lesbische Frauen sind da und sie existieren nicht nur, sondern sie sind sichtbar. Diese Feststellung klingt zwar banal, aber im öffentlichen Bewusstsein ist sie auch im Jahr 2009 keineswegs angekommen.

Besonders deutlich zeigt sich dieser Missstand am Beispiel der Medienberichterstattung über den Christopher Street Day. So wurden etwa bei der Fotostrecke der Frankfurter Rundschau von insgesamt 22 Bildern nur 3 von Lesben in die Online-Galerie mit aufgenommen. Die übrigen zeigen kostümierte Schwule in Lack und Leder, Puschel, Highheels, Federboas und bunten, wallenden Kostümen. Hauptsache schrill, denn das befriedigt offenbar die Sensationsgier.

Die bundesweite Kritik an der Entpolitisierung sowie Kommerzialisierung der CSD-Paraden richtet sich dabei zum einen an den Anteil der eigenen Community, die sich dieser Entwicklung unreflektiert anschließt und während der CSD-Veranstaltung nur konsumiert sowie Party macht. Zum anderen ist die Kritik an die Medien adressiert, die bei der visuellen Darstellung der Parade überwiegend die karnevalesken Elemente und das ausgelassene Feiern zeigen. Problematisch daran ist nämlich, dass dann der Eindruck entsteht, dass lesbisch oder schwul sein eine reine Spaßangelegenheit ist und die Gleichstellung bereits erreicht sei. Das ist aber nicht der Fall. Lesben und Schwule sind z.B. im Steuerrecht nicht gleichgestellt. Darüber hinaus wird Homosexualität auf die Sexualität reduziert. Die Tatsache, dass sich daran auch Lebensstile knüpfen, wird dabei ausgeblendet. Zweifelhaft ist auch, dass Lesben und Schwulen nur während des CSD-Events die ,Narrenfreiheit‘ gewährt wird, heteronormative Vorgaben im öffentlichen Raum außer Kraft setzten zu dürfen. Dadurch bleibt dieser Zustand ein Ausnahmezustand in einer sonst durch und durch heteronormativ organisierten Welt.

Problematisch für die Lesben ist außerdem, dass sie als ein Untergrüppchen unter Schwulen subsumiert werden. Da Resignation genau die falsche Reaktion auf die Verschwulung und Entpolitisierung der CSD-Parade ist, haben auch in diesem Jahr zum zweiten Mal rund 150 Frauen einen Lesbenblock aufgestellt. „Ich möchte den Charakter vom CSD und das Bewusstsein in der Gesellschaft ändern“, betont die 25-jährige Teilnehmerin Janina. „Dass wir inzwischen mehr Rechte haben, heißt ja noch lange nicht, dass wir nicht mehr diskriminiert werden“, führt sie weiter aus. Dieser Meinung schließt sich die 20-jährige Coralie an. „Ich finde, dass wir nur durch Präsenz und Handeln etwas verändern können.“ Besonders gut hat der Darmstädterin am Lesbenblock gefallen, dass viele Altersgruppen vertreten waren. Sie kritisiert, dass Homosexualität oft als eine „neumodische“ Sache abgestempelt wird: „Aber Lesbisch-Sein ist ja kein Trend“, stellt sie klar.

Lesbenblock CSD Frankfurt 2009 Dass ein lesbisches Leben in jeder Lebensphase glücklich machen kann, haben die Demonstrantinnen in Frankfurt gezeigt. Sie haben gezeigt, dass Lesben vielfältig sind, dass sie lange Haare oder kurze Haare haben, sich feminin, maskulin, androgyn, mainstream oder individuell kleiden. Was sie vor allen Dingen gezeigt haben ist, dass Lesbisch-Sein zu ihrem Alltag dazu gehört und nichts mit schriller Zurschaustellung oder Provokation zu tun haben muss. Und das hat sie sichtlich mit Stolz erfüllt. Auch wenn Medien dieses Signal offenbar nicht registriert haben, so haben die Frauen ein wichtiges Zeichen nach außen gesetzt, denn sie haben Ihresgleichen motiviert sich anzuschließen. Darüber hinaus hat das Fotografierverhalten des offensichtlich heterosexuellen Publikumsanteils gezeigt, dass eine Botschaft in jedes Familienalbum Einzug halten darf, nämlich dass es sich lohnt, zu sich selbst zu stehen. Und dieser Mut hat Respekt verdient.

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10 Antworten auf Sichtbare Lesben auf dem CSD in Frankfurt

  1. Joni.T sagt:

    Herzlicher Dank an unsere Gast-Autorin Carina für diesen tollen Artikel!

    … hat das Fotografierverhalten des offensichtlich heterosexuellen Publikumsanteils gezeigt, dass eine Botschaft in jedes Familienalbum Einzug halten darf, nämlich dass es sich lohnt, zu sich selbst zu stehen. Und dieser Mut hat Respekt verdient.

    Ich fühlte mich während der Parade teilweise wie Knut im Zoo, besonders an den engen Stellen an der Hauptwache und im Bermuda-Dreieck. Allerdings dachte ich mehr an all die unaufällig aus dem Hintergrund zuschauenden Schranklesben, die sich das ganze Jahr daran freuen, ihre Live-Fotos als Phantasie darüber, was sein könnte, wenn sie nur …, anzusehen.
    Oder ob es für sie eher der Horror ist?

    Die LateBloomers-Vertreterinnen für ältere Frauen mit spätem Coming Out fand ich jedenfalls klasse.

  2. Yvonne sagt:

    Vielen Dank, Carina, für deinen Artikel. Es ist richtig, dass die Berichterstattung der Medien reflektiert nur teilweise welche Akzente die Demoteilnehmer setzen, sondern gestalten mit. Der Sonntagszeitung der FAZ veröffentlicht einer kleinen Artikel mit den Titel “Party-Botschaft” und spricht nur von “leichtbekleidete Männer und Frauen.” Die viele Lesben die in ihre Alltagskleider erschienen sind, sind nicht die Rede wert. Auch das Wort Lesbe oder Lesben ist nicht zu finden. Dies kann kein Zufall sein: Mein Antwort auf die Frage “Sind wir schon angekommen?” ist ein klares Nein solange wir weder die gleiche Rechte wie die Heteras haben noch weiterhin ausgeblendet werden. Ich denke allerdings auch, dass viele ZuschauerInnen unser Botschaft verstanden haben. Ich habe versucht so oft wie möglich Augenkontakt mit Frauen, Kinder und Männer die an den Strassenseiten standen zu halten – mein Lächeln wurde oft erwidert.

  3. Astrid sagt:

    Danke Carina für diesen wundebaren und so zutreffenden Artikel. Allerdings fühlte ich mich an den engen Stellen nicht wie “Knut”, sondern mehr wie bei der Tour de France ;-) auch wenn uns dann die ZuschauerInnen mehr anfeuern hätten müssen!
    Ich fand es einfach sehr schade, dass offenbar mehr Lesben sich dazu entschlossen hatten, sich die Demo vom Straßenrand anzuschauen, als selbst mitzulaufen. Oh, was wären wir eine große, wunderbare Gruppe gewesen, wenn die sich uns angeschlossen hätten! Vielleicht hätten auf dem Weg auch Medien dazu gebracht werden können, uns abzulichten.
    P.S.: Anzahl der Lesben im Bild in der Kurzkurzberichterstattung der Hessenschau am Samstag abend: 0.

  4. Carina sagt:

    Zu Yvonne: Interessant, dass du das mit dem Blickkontakt erwähnst, das ging mir genau so! Ich habe ca. 3/4 der Zugstrecke ein Schild getragen, wodurch der Blick der ZuschauerInnen oft von der Aufschrift zum Gesicht der Trägerin gewandert ist. Und ich habe immer offen und selbstbewusst gelächelt, so wie du. Auch bei mir wurde dieses Lächeln meistens erwidert. Das hat gut getan und ich bin der Meinung, dass wir nur durch den eigenen selbstverständlichen Umgang mit unserem Lesbisch-Sein Akzeptanz anstatt nur Toleranz oder sogar Ablehnung erfahren können.

  5. Nina sagt:

    Sehr treffender Blog, Carina!
    In vielem kann ich mich meinen Vor”rednerinnen” nur anschließen!
    Ich war dieses Jahr das erste Mal sehr spontan beim Lesbenblock dabei und es hat mir wahnsinnig gut gefallen, vor allem, dass auch “am-Rand-Stehende”, wie ich, die von der ganzen Aktion nichts wussten, einfach dazu stoßen konnten!
    Umso enttäuschter bin natürlich auch ich von der mangelnde Präsenz in den Medien.
    Aber gerade deshalb sollte das Ganze meiner Meinung nach weiter bestehen bleiben, denn auch ich denke, dass viele Zuschauer die Botschaft verstanden haben! Vielen Dank für die Organisation und die passenden Worte hier! :)

  6. nicole sagt:

    hallo ihr süssen
    ich hab mich leider erst zum schluss zu euch gesellt aber bei mir wahr der hintergrund das ich nicht aus ffm komme und auf meine beiden begleiter aus ffm angewissen wahr leider aber ich hab mich gewagt !!! carina warst du die mir das schild gegeben hatte? so fast zum schluss?

  7. Carina sagt:

    hi nicole, das ist gut möglich mit dem schild. ich bin in dem album von sonja, das bei lesbenorg verlinkt ist, in der dritten reihe auf dem 4. und 5. bild zu sehen (blond, graue weste)

    –> Link zum Fotoalbum bei picasa <–

    nur zur identifikation;-)
    dann weißt du ja, wo du ja nun hoffentlich, was du im nächsten jahr am csd in frankfurt vor hast!
    dann werden wir uns auch um eigene musik kümmern und hoffentlich nicht nur mehr lesbisches publikum anlocken, sondern auch die medien auf uns aufmerksam machen!

  8. alivenkickn sagt:

    Die Tatsache, dass sich daran auch Lebensstile knüpfen, wird dabei ausgeblendet.

    Diese Aussage ist pauschalierend und somit nicht zutreffend.

    Einer der Gründe warum wir/ich gehofft hatten das mehr lesbische Frauen an dieser Veranstaltung teilgenomme hätten.

    http://alivenkickn.wordpress.com/2009/07/12/klein-aber-fein/

    Angebote können nur angeboten werden, sie in Anspruch zu nehmen dazu muß man sich schon selbst bewegen.

    LG alivenkickn

  9. nicole sagt:

    hallo carina
    wenn du dein schild zum schluss an ne stabile frau abgegeben hast dann wahr ich das :-) hab auch noch fotos auf meinem handy :-) werde sie nächste woche hochladen vorher gehts nicht

  10. Als ich so unsere Bilder anschaute, gewann ich irgendwann den Eindruck, dass alles Artemis repräsentierte: Alles war blaubeflaggt.
    Fand ich merkwürdig.
    Naja, okay.
    “Wir” üben ja noch mit der Vielfalt und der Wahrnehmung. ;)

    @Carina

    dann werden wir uns auch um eigene musik kümmern und hoffentlich nicht nur mehr lesbisches publikum anlocken, sondern auch die medien auf uns aufmerksam machen!

    Echt?
    Das wäre gut. :)

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