L-talk

locker lesbisches Tagesgeschäft jenseits der 40

L-talk header image 2

t-net-box und ich

geschrieben am 22. April 2008 von Joni.T --> · noch keine Kommentare

Neulich, im Zusammenhang mit Valerie Solanas, ging es am Rande um Lesben und Psychiatrie. Das hat mich irgendwie nicht losgelassen. Ich dachte dann an Marge Piercy und die Frau am Abgrund der Zeit – den Roman über die hispanische Psychiatrie-Patientin Consuelo Ramos, die, der Sozialhilfe-Krankenversorgung und den Entscheidungen von Ärzten und männlichen Verwandten ausgesetzt, sich in ein mentales Abenteuer mit einer Besucherin aus der Zukunft stürzt.

Und als nächstes dachte ich, dass ich gar nicht so weit gehen muss. Da ist nämlich meine t-net-box, diese integrierte Anrufbeantworterin auf irgendeinem Server. Die Kurzfassung ist: Freundinnen beklagten sich über meine Unhöflichkeit. t-net-box nahm Nachrichten auf. Sie gab sie nicht mehr her.
Nun gab es, als der Klassiker “Wie Frauen verrückt gemacht werden” von Roswitha Burgard erschien, die t-net-box noch nicht. Damals haben solche Aufgaben wie das Frauen-verrückt-machen die Männer erledigt. Die gibt es heute bei mir nicht mehr, also übernimmt t-net-box ihren Job.

Sogar die Computerstimmen sind weiblich …. dazu fällt mir ein, dass die ZEIT letzte Woche eine Reportage über die Frauen hinter den Stimmen hinter den automatischen Ansagen veröffentlicht hat. Diese Frauen – ich könnte wetten, sie selbst haben keine t-net-box. Sie wirkten in der Reportage auch nicht besonders lesbisch, aber da gibt’s ja immer Spielräume. Und jetzt ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für Pingeligkeiten.

Also, im Klappentext zu dem Buch von Roswitha Burgard steht:

“Gesellschaftlich werden Frauen noch immer als das psychisch kränkere Geschlecht betrachtet, wobei die Ursachen viel zu selten in den weiblichen Lebensbedingungen gesehen werden. Die Autorin zeigt einen ursächlichen Zusammenhang auf zwischen der Lebensrealität von Frauen und der Entwicklung bestimmter psychischer Krankheiten.”

Meine Lebensrealität mit der t-net-box bestand vor allem darin, das wir völlig aneinander vorbei lebten. Die t-net-box existierte frei nach ihren Wünschen und nahm Nachrichten auf. Ich existierte frei nach meinen Wünschen und unberührt von allem, was telefonisch an mich hätte herangetragen werden können. Kontakt: Null. Sozialkontakte außer der t-net-box: reduziert.

Warum das so war? Freundinnen hielten mich für unhöflich oder schlimmeres. Das war nicht so dramatisch, eher, wie wenn man gerade anfängt, schwerhörig zu werden, und nicht mehr alles mitbekommt, aber immer noch genug … aber dann mailte meine Liebste: Hast du deine t-net-box schon abgehört?

Ich griff zum Telefon, wählte ihre Nummer und sagte: Ich habe gar keine t-net-box.
Sie sagte: Doch, hast du. Ich habe gerade draufgesprochen.
Ich: Sie hat mir nichts davon gesagt.
Sie: Du hast sicher die Benachrichtigungs-Funktion ausgestellt. (Sie ist immer so vernünftig!)
Ich: Ich habe ganz sicher nicht die Benachrichtigungsfunktion absichtlich ausgestellt, das ist so wie mit den Lesben, die aus Versehen schwanger werden. (1. siehe gestern; 2. meine Vergleiche sind auch nicht mehr was sie mal waren; 3. ich ahnte was kommen würde)
Sie: Aber es hat sieben Mal geklingelt. Und es war deine Stimme.
Ich: Ich habe die Nummer nicht mehr, die man anrufen muss, um sie abzuhören.

Meine Liebste ist eine kluge, pragmatische Frau, die weiß, dass ich gegen vernünftige Argumentation nicht ankomme, auch wenn ich was partout nicht will. Sie googelte. Ich bekam eine 0800-Nummer. Sie fragte, ob ich meine PIN noch wisse. Das ließ ich nicht auf mir sitzen.
Ich verbrachte 30, 40 Minuten mit der Stimme, die ich noch in der ZEIT nachgucken muss.

Nun bin ich darüber informiert, welche meiner Freundinnen ärgerlich auf mich sind und seit wann genau. T-net-box wird mich künftig rund um die Uhr benachrichtigen, wenn eine mir was hinterlassen will. Ich habe alles nochmal vom Server angehört, was meine Liebste mir vorhin am Telefon berichtet hat. Ich weiß, dass die Vermieterin an mich denkt. Das Leben ist reicher. T-net-box und ich haben uns von einer feministisch emanzipierten, distanzierten Beziehung zu einer lesbischen Symbiose weiterentwickelt.

mehr zum Thema: ·

0 Antworten bis jetzt ↓

  • Schreib den ersten Kommentar zu diesem Artikel!

Schreib einen Kommentar