
(ll) – Es ist ja nur ein Beispiel: Da leistet sich der CSD Schleswig-Holstein e.V. einen kommissarischen Finanzvorstand, der vor Jahr und Tag seinen Job im Landtag wegen kinderpornografischen Darstellungen auf dem Dienstcomputer verloren hat. Gleichzeitig fühlt sich die schwul-lesbische Szene immer mehr pornoisiert an. Lesbische Partys werden von AnimateurInnen aus dem Rotlicht-Millieu begleitet, der einzige schwule Szenetreffpunkt hat auch ein teilweise verdächtig junges Publikum, und wenn eine das mal thematisiert, dann ist sie gleich die Spielverderberin – Zeitgeist, alles nicht so schlimm? Schwule Männer finden’s in Ordnung – und wo sind die Lesben?
Vielleicht sind wir ja tatsächlich im dritten Jahrtausend angekommen, scheinbar jedenfalls. Alles so schön bunt hier, schwul, lesbisch, transgender und überhaupt: „We are family.“ Alles sieht aus, als wären der Gemeinsamkeiten zwischen Lesben und Schwulen viele und die gemeinsame Erfahrung von Diskriminierung aufgrund sexueller Identität Fundament genug für eine gedeihliche Zusammenarbeit.
Was nicht nur in Schleswig-Holstein eine gewisse Tradition aus gemeinsamer Arbeit im Rahmen des Kampfes für Bürgerechte hat und auch anderswo inzwischen in politischen Kreisen und zwecks Erleichterung knapper Kassen gern gesehen wird – die Zusammenarbeit von Lesben und Schwulen – leidet allerdings an einem Geburtsfehler. Nicht die Gemeinsamkeiten in den Zielsetzungen bestimmen inzwischen die Zusammenarbeit, sondern eine Gemeinsamkeit in Defiziten an der gesellschaftlichen Teilhabe.
Sicher: In den Jahren seit den Unruhen in der New Yorker Christopher-Street haben sich gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen genauso verändert wie juristische. Konservativismus gibt es noch immer, wenn auch Gesellschaft inzwischen weiter und weniger restriktiv ist.
Mittlerweile gehören nicht nur Lesben in Fernsehserien beinahe zum Stammpersonal, sondern sind auch schwule Paare händchenhaltend in den Fußgängerzonen des Landes offen zu beobachten. Geheiratet wird zwar immer noch nicht, aber verpartnert – who cares? So scheint doch vieles gewonnen, was vor einer Generation noch undenkbar erschien.
Die Gewinne sind ungleich verteilt – wie nicht zum ersten Mal, wie auch in anderen Lebensbereichen zwischen Männern und Frauen. Politisch jedenfalls hat die schwul-lesbische Bürgerrechtsbewegung vieles erreicht – angefangen bei den Reformen im Strafrecht bis hin zur ‚Quasi-Gleichstellung‘ im Ehe- und Familienrecht.
Mit auf diesem Ticket reisten allerdings auch andere: Ausgehend von der These, dass es bei einer gesellschaftlichen Liberalisierung immer auch um eine Befreiung der Sexualität gehen müsse, fanden sich prompt die üblichen Verdächtigen ein – angefangen bei Protagonisten der freien Sexualität unter Jugendlichen über Strafrechtsreformer mit Eigeninteressen bis hin zur ganz schlicht finanziell motivierten Pornoindustrie segelte all das unter der Fahne der schwul-lesbischen Emanzipation. In der Konsequenz nützte der gemeinsame politische Kampf von Lesben und Schwulen nicht nur uns selbst, sondern auch diesen anderen Gruppen.
Allerdings sind bei allen Entwicklungen die unterschiedlichen Startvoraussetzungen für Lesben und Schwule nicht berücksichtigt: Aufgrund Sozialisation und gesellschaftlicher Machtverhältnisse differieren diese Voraussetzungen und damit auch die Zielvorstellungen stark. Schwule Männer haben die Liberalisierung seit den 1960er Jahren oft als Bewegung zur Ausweitung ihres sexuellen Aktionsradius begriffen, während für Lesben als gleichwertiges Ziel die Abschaffung patriarchal geprägter Machtverhältnisse auf dem Programm stand und steht.
Die Ziele sind unterschiedlich verwirklicht worden: Was den sexuellen Aktionsradius angeht, so scheint das erreicht. Die Veränderung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse ist jedoch nur teilweise gelungen – nicht wegen mangelnder Energie, sondern weil die Umsetzung von Ziel A so erfolgreich verlaufen ist. Schon ein Blick auf die Wahrnehmung schwul-lesbischer Themen macht deutlich, dass damit eher der bunte Karneval der CSDs mit Tunten, Bären, Drag-Queens etc. verbunden wird als die Formulierung primär lesbischer Themen mit gesellschaftlichem Veränderungspotential. Die Pornoisierung der Gesellschaft ist – nicht nur, aber auch ausgehend von schwulen Männern im Zuge der Bürgerrechtsbewegung - gelungen. Lesben sind weiterhin nur geduldete Dekoration, ihre Themen finden weitgehend nicht statt.
Gerade die Benennung gesellschaftlicher Machtverhältnisse ist es aber, die Sprengkraft birgt. Leider sind Lesben im schwul-lesbischen Kontinuum so wenig sichtbar, dass sie ihre Inhalte weder nach Außen medienwirksam noch nach Innen als Anstoß für einen schwul-lesbischen Dialog befördern konnten. Anders als beispielsweise Frau von der Leyen, die mit dem durchaus feministischen Thema der ‚Kinderpornografie‘ hohe Öffentlichkeitswirkung erzielte und die Grundrechte erfolgreich gleich mit in Frage stellte.
Die Konsequenz: Schwul-lesbische Kultur wird weiterhin primär mit Karneval und schwulen Sexpraktiken assoziiert. Das Veränderungspotential, das in lesbischen Ideen steckt, ist gesellschaftlich unerwünscht und wird nicht wahrgenommen. Die Folgen sind fatal, wieder einmal für Lesben. Besonders schwerwiegend erscheint es dann, wenn die Thematisierung von Pornografie, sexueller Ausbeutung und Pädophilie sogar in der Community folgenlos bleiben. Mann redet nicht darüber – aber ist deshalb alles gut?
Gleichermaßen lesbische Lebenswelten abzubilden und zu thematisieren sollte stattdessen das Ziel sein – eine Integrationsleistung im Übrigen, die auch schwulen Männern gut zu Gesicht stände. Ansonsten kann es ganz schnell passieren, dass sich dieses Versäumnis rächt. Wie schnell gerade sensible Themen wie die Darstellung von Sexualität mit Minderjährigen instrumentalisiert ist, um bürgerliche Freiheiten zu beschneiden, ist aktuell am Beispiel der Internetsperren zu beobachten. Gut möglich, dass Ähnliches demnächst schwule Sexualpraktiken trifft. Ebenso gut möglich, dass Lesben dann gleich mit untergehen.
Also sind Auseinandersetzung und klare Positionierung gefragt – nicht laues ‚unter den Teppich kehren‘, wie es der CSD Schleswig-Holstein e.V. gerade auf der letzten MV vorgemacht hat. Da waren dann nämlich nicht die Berührungspunkte mit der Kinderpornofraktion der Grund, den Vorstand auszuwechseln, sondern Arbeitsbelastung und ein ‚gesundheitliches Problem‘. Eine klare Abgrenzung sieht anders aus – die Chance ist zumindest in diesem Zusammenhang vertan.
Die Idee, im Sinne eines bedingungslosen gemeinsamen Eintretens gegen Diskriminierung ein möglichst breites Spektrum sexueller Identitäten zu vereinen, um gesellschaftliche Strukturen zu verändern hat also nur auf den ersten Blick Charme. Im vierten Jahrzehnt schwul-lesbischer Zusammenarbeit sollten Lesben stattdessen jetzt die Chance ergreifen, Ihre Belange einzubringen – Machtstrukturen und sexuelle Ausbeutung zu thematisieren ist dabei essentiell. Von einer offenen, gleichberechtigten Diskussion über Voraussetzungen, Gemeinsamkeiten, Grenzen und Ziele können alle Lesben und Schwule nur profitieren.
(ll – Livnah Loewe – erschienen in HAJO 9.2009)



Ich bin der Meinung, dass die Interessen von Lesben sehr wenig in den Zusammenschluss mit Schwulen und allen andere gedient werden und begrusse diese kritische Betrachtung der gegenwärtige Verhältnisse.
Ja, okay – Betrachtung ist das Eine, Diskussion das andere. Eigentlich reicht es nicht, zu sagen, dass damit Lesben nicht gedient wird: Es gibt ja durchaus politische Zusammenhänge, in denen genau das abgefordert wird.
Was ich spannend fände: entweder Wege zu finden, wie die gleichberechtigte Teilhabe von Lesben (auch?) in lesbisch-schwulen Zusammenhängen hergestellt werden kann – oder sich eben der Unmöglichkeit bewusst zu werden und dann eigene Inhalte auch gesellschaftspolitisch so zu stärken, dass sich Veränderungen in unserem Sinne entfalten kann.
ja sicher reicht es nicht , aber ich sehe es immerhin als einen anfang, die ganzen zusammenhaenge mal wieder kritisch zu betrachten,
es ist ja nicht so, das wir nicht die gleiche situation schon mal hatten, wo sich lesben von schwulen/ institutionen losgeloest haben genau aus diesen gruenden , weil eben lesben,lesbische themen und belange untergegangen sind naja und noch so einiges mehr , was jetzt zu lang waere zum aufzaehlen…
Hello Livnah, ich denke wie Liane, dass wir diese Fragen nicht zu ersten Mal stellen. Es ist schwierig für lesbische Belangen zu kämpfen in eine Gesellschaft der immer noch Männer höher bewertet als Frauen, ergo Schwulenbelangen höher als lesbische. Wirklich für lesbische Interesse effektiv zu kämpfen verlangt Solidarität unter Lesben. Dies ist nicht leicht zu bewerkstelligen – vielleicht ist es deshalb “leichter” im Windschatten der Schwulen zu segeln als eine eigene Richtung einzuschlagen und die Arbeit auf sich zu nehmen jeden Tag neue zu versuchen miteinander zu Recht zu kommen. Und die Schwulen – was würden sie verlieren wenn Lesben nicht mitmachten?
Hallo Livnah,
mich wurde wirklich sehr Interessieren, was du genau mit diesem Abschnitt deiner Aussage meinst
“Gleichermaßen lesbische Lebenswelten abzubilden und zu thematisieren sollte stattdessen das Ziel sein – eine Integrationsleistung im Übrigen, die auch schwulen Männern gut zu Gesicht stände. Ansonsten kann es ganz schnell passieren, dass sich dieses Versäumnis rächt. Wie schnell gerade sensible Themen wie die Darstellung von Sexualität mit Minderjährigen instrumentalisiert ist, um bürgerliche Freiheiten zu beschneiden, ist aktuell am Beispiel der Internetsperren zu beobachten. Gut möglich, dass Ähnliches demnächst schwule Sexualpraktiken trifft. Ebenso gut möglich, dass Lesben dann gleich mit untergehen.”