Miriam Meckel mal wieder:
“Eine erfolgreiche Frau klappt zusammen. Der Kommunikationsexpertin, die Vorträge hält, Unternehmen berät und deren Meinung bei den führenden Medien gefragt ist, passiert genau das, wovor Miriam Meckel selbst immer gewarnt hat. Während sie wieder mal eine Flut geschäftlicher und privater E-Mails beantwortet und nebenher den Koffer packt was braucht sie, um auf der Konferenz zu reden, zu joggen und mit Freunden zu feiern?, zieht ihr Körper die Notbremse. Nichts geht mehr. Die Diagnose, Burnout.”
(aus der Inhaltsbeschreibung des Verlags, Quelle: amazon.de)
Unter großer Anteilnahme der bundesdeutschen Presse von Bild bis Spiegel kündigte der Rowohlt Verlag für März 2010 Meckels neuestes Buch an, eine “Läuterungsgeschichte” soll es werden, die “berührt” und “aufrüttelt”.
Nun ist Miriam Meckel, mit 31 Jahren ehemals jüngste Professorin Deutschlands, mit 34 Staatssekretärin, Kommunikationswissenschaftlerin und Karrierefrau, für viele immer noch vor allem die schöne Partnerin von Anne Will … und für andere wegen ihrer zielgeraden Laufbahn ein Wesen von einem anderen Stern.
Burnout – Symptom fremdbestimmter Arbeitsbedingungen?
Weit gefehlt.
Vor vielen Jahren brachen Frauen auf, um die Arbeitswelt zu ändern: Für ihre Klientinnen und Kundinnen, zur Schaffung besserer Arbeitsbedingungen für sich selbst, für Selbstbestimmung, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit … in Kürze: um die Welt zu verändern, wenigstens die eigene.
Geschehen ist dies unter großer Solidarität anderer Feministinnen, die häufig bereit waren, Qualität bei Dienstleistung, Beratung oder Handwerk anders, neu, zu definieren; die länger auf Lieferungen warten, die sehr großzügig mit Reklamationen umgehen, die Marktpreise für Leistungen zu bezahlen bereit waren, die eine woanders definitiv nicht bezahlt hätte und so weiter. Dutzendweise ließen sich aus dem allernächsten Umfeld Beispiele zusammentragen, in denen Frauenunternehmen, lesbische Unternehmerinnen, so einiges vermasselt haben:
Schatten über dem lesbisch-feministischen Kontinuum
- miserabler Service im Frauenhotel an Nord- oder Ostsee (bei marktüblichen Preisen für guten Service),
- Anlaufstellen, die mehr mit Selbstfindung als mit Beratung befasst sind (sowas gibt’s noch!),
- Handwerkerinnen, die nicht erscheinen, oder zu spät, oder ihre Probleme mit der Liebsten ausbreiten wollen oder mitten in der Arbeit gehen, um irgendwann wiederzukommen oder nicht,
- Arbeitsleistungen, für die wir jede “normale” Firma entweder nicht bezahlt oder verklagt hätten,
- Kollektive, die sich Arbeitsbedingungen geschaffen haben, die angeblich super selbstbestimmt sind und die dann, ungeachtet ihrer Dreiviertelstellen und dauernder Supervision Burnoutsymptome entwickeln ….
Richtig ist das nicht.
Keine Missverständnisse: Frauen leisten super Arbeit, das steht außer Frage, das ist selbstverständlich, das sehen wir jeden Tag und das wird von uns gefeiert, auch hier bei L-talk. Aber wenn nicht, sollte die Qualität der Arbeit von denen beurteilt werden, die es etwas angeht.
Das sind beispielsweise die Kolleginnen, das sind die Kundinnen und Klientinnen, das sind – und hier gibt es eine Besonderheit bei den Initiativen und Unternehmen, die lesbisch-feministische Solidarität eingefordert haben und einfordern – die Unterstützerinnen.
Bei letzteren muss schon die Frage erlaubt sein, worauf sich die Solidarität, die Unterstützung all die Jahre bezog, und in vielen Fällen ging es darum, dass diese Frauen ausgezogen waren, um neue, gerechtere Arbeitsbedingungen zu schaffen: Die Unterstützung war gedacht als Blankoscheck für die Suche nach einer besseren Arbeitsgesellschaft von morgen.
Kapitalismuskritik allein reicht nicht hin
Burnout passt in so eine Vision überhaupt nicht hinein: fehlen doch potenzielle Schuldige wie böse Kapitalisten, Chefs, Zeitdruck und werden doch Arbeitsbelastung, Stress und miteinander Umgehen solidarisch selbstbestimmt gelöst. Natürlich sind es in erster Linie die direkt Betroffenen, die mit der Situation fertig werden müssen … an zweiter Stelle kommen dann aber die mittelbar Betroffennen: Kundinnen, Unterstützerinnen und so weiter. Und wenn nach Jahren der Solidarität und der Akzeptanz dann noch nicht mal die Arbeitsbedingungen so waren, dass die Dienstleisterinnen und Unternehmerinnen zufrieden und selbstbestimmt arbeiten können, ist Enttäuschung völlig legitim.
Beschützende Werkstatt in lila?
Eine Erklärung kann jedenfalls nicht lauten, dass all diese Frauen einen besonders behutsamen Rahmen benötigen: Der lesbisch-feministische Aufbruch neu definiert als riesige beschützende Werkstatt in lila? Das kann nicht sein. Es liegt auch nicht in unserem Interesse. Wichtige Fragen in diesem Zusammenhang wären: Welche Ansprüche kann ein lesbisches oder feministisches Unternehmen an die Solidarität Anderer stellen und welche Ansprüche können Unterstützerinnen legitimerweise an lesbisch-feministische Dienstleisterinnen und Unternehmerinnen stellen?
Ist Solidarität noch angemessen? Zeitgemäß? Ist es richtig, sich weiter stark zu machen für Fördergelder? Sollten Abstriche bei der Qualität akzeptiert werden, die man bei nicht lesbisch-feministischen Anbieterinnen indiskutabel fände? Und haben die Initiativen, Firmen, Anbieterinnen, die auch von unserer Solidarität leben, im Gegenzug irgendwelche Verpflichtungen und wenn ja, welche?
Gar nicht leicht.
Es geht in diesem Posting nicht um die Tausende, Zehntausende hervorragend funktionierenden Unternehmen grandioser lesbischer und feministischer Frauen, bei denen einige von uns einkaufen. Es geht auch nicht um die Lesben und Feministinnen, die in allen möglichen Firmen und Institutionen Spitzenarbeit abliefern oder durchschnittliche Arbeit oder Arbeit wie jede und jeder andere. Es geht hier ausnahmsweise um die, bei denen es nicht funktioniert, die auf lesbisch-feministischem Ticket gestartet sind und wo Erwartungen in beide Richtungen vorhanden sind, die nicht erfüllt werden. Vor allem geht es um den Umgang damit.
Erwartungen 2.0 – reloaded
Das verschämt mit den Füßen abzustimmen, indem wir einfach woanders hingehen, wie viele das tun, wird den Werten, mit denen wir damals aufgebrochen sind, jedenfalls nicht gerecht. Vielleicht müssen die Erwartungen wieder einmal auf den Tisch: Was wollen die Anbieterinnen von uns Kundinnen, was erwarten wir von ihnen und gibt es eine besondere, lesbisch-feministische Form des Umgangs, wenn die Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen beider Seiten nicht zusammenpassen.
Das wäre übrigens ein schönes Workshop-Thema für das Lesbenfrühlingstreffen in Hamburg 2010!
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Miriam Meckels Buch über Konnys Lesbenseiten, lesben, org, bei Amazon bestellen:
Links und Quellen:
- Anne Wills Lebensgefährtin mit Burnout in Klinik, bild.de, 19.12.2009
- Miriam Meckel, Homepage (mit Blog), miriammeckel.de
- Miriam Meckel: Brief an mein Leben: Erfahrungen mit einem Burnout, Rowohlt, Reinbek (Gebundene Ausgabe – 12. März 2010), EUR 16,95
- Lesbenfrühlingstreffen vom 21. bis 24. Mai 2010 in Hamburg, lesbenfruehling.de/hamburg2010

3 Antworten bis jetzt ↓
1 Marion Neef // Jan 9, 2010 at 14:33
sollte eins der dringenden Themen auf der Lesbenfruehlingstreffen werden! Insbesondere im Austausch mit denen die nicht in der “F”Klasse ihr Burnout hatten // haben. Es gibt sicher viele Schnittstellen und alle könnten dabei für sich und ihr Umfeld neue Erkenntnisse gewinnen. Lebensrealitäten- verschiedene Utopien und Sichten, aber auch die Vielfalt gelebter Lebensentwürfe dies unter diesem einen Aspekt auf den eigenen Prüfstand zu stellen- ist am Ende immer wieder ein Gewinn! Für mich und andere!!! Marion
2 Irene // Jan 26, 2010 at 12:32
Eine Bemerkung ganz unabhängig von Frau Meckel: Nicht alles, was für Burnout gehalten wird, ist auch Burnout.
Etwa jede zehnte Frau bekommt im Lauf des Lebens eine Autoimmunerkrankung, die leicht mit einem Burnout verwechselt werden kann und oft erst nach vielen Jahren diagnostiziert wird. Bis es so weit ist, läuft das Ganze unter Burnout oder Psychosomatik.
“Typische Beschwerden von Hashimoto (AI der Schilddrüse): Müdigkeit, Leistungs- und Konzentrationsschwäche, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit, depressive Gemütsverfassung, Antriebslosigkeit, Haarausfall, Gelenk- und Muskelbeschwerden, Infektanfälligkeit, Schlafstörungen, Unwirklichkeitsgefühl, Angst- und Panikattacken, etc. Diese und andere Beschwerden können einzeln oder gemeinsam, müssen aber nicht auftreten.”
http://www.kit-online.org/HT-Erstinformationen
Wenn es Frauen schlechter geht, muss das nicht immer und ausschließlich gesellschaftspolitische Gründe haben.
(Nachtrag: Dass eine Krankheit, die vor allem bei Frauen vorkommt, trotz ihrer großen Verbreitung so wenig beachtet wird – weder von der Medizin noch von Feministinnen – das ist natürlich schon politisch relevant.)
3 Konny // Feb 5, 2010 at 23:09
Heute habe ich einen ähnlichen Vortrag mit Marie Sichtermann von der Unternehmensberatung für Frauen, Brot und Rosen über “Lesben und Erwerbsarbeit” in der Reihe DenkRäume im EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt gehört. Marie Sichtermann beschreibt die Anfänge der Lesbenbewegung als Bestreben nach größtmöglicher Autonomie, um nicht von anderen (z.B. dem Staat) kontrolliert zu werden, aber als der Staat mit ABM-Stellen gewunken hat, viele Lesben-/Frauenprojekte ihre Autonomie aufgegeben haben. Kernpunkt ihres Vortrags war “Kontrolle”, die keine will, aber jede ausgesetzt ist. Die Autonomie (als Steigerung “Autarkie”) setzte sie vs. Integration.
Auch Marie Sichtermanns Erfahrungen mit Frauenprojekten (die aus Lesben bestehen) sind ernüchternd. Selbstausbeutung und schlechte Bezahlung, Teamarbeit ohne Team, all das, was wir auch kennen.
Dennoch: Aus der Landlesbenbewegung Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre sind diverse Lesbenarbeitsplätze entstanden: Die Bewegung der Frauenbildungs- und -ferienhäuser (weltweit, und es sind nicht alle schlecht, nur die beiden, in denen wir waren :-) ), die Wendo-Bewegung und die feministische Therapie- und Beratungsarbeit, das LFT (ich sage jetzt böse: als Kontrollinstanz) und die Handwerkerinnen, die die Frauenbildungshäuser gebaut haben, Safia –> Sappho-Stiftung. Das ist für 5 JahreLandlesbenLeben ja schon eine ganze Menge!!!
Dass Lesben auch in F-Arbeitstellen unter Burn Out leiden ist höchst bedauerlich, aber aufgrund der patriarchalen Umstände nur verständlich. Warum sich allerdings Lesben immer noch von Männern bestimmen lassen, ist mir im Jahre 2010 unbegreiflich.
Lasst uns den Gedanken der autonomen Projekte noch einmal neu denken…
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