Fachtag “Online/Offline gut beraten?!”

Fachtag im hessischen Lesben- und Schwulenreferat

Im Referatsbereich “Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen” im Hessischen Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit (HMAFG) in Wiesbaden fand am Freitag, den 9. Juli 2010 von 10 – 15 Uhr der Fachtag “Online / Offline gut beraten?!” statt. Inhaltlich ging es um Beratungsangebote für LSBTIQ (lesbisch – schwul – bisexuell – trans – intersexuell – queer) – Jugendliche sowohl im Internet *online* als auch IRL (= im realen Leben), also *offline*.

Dazu waren drei hervorragende ReferentInnen geladen:

Am Vormittag stellte Dr. Meike Watzlawik ausführlich ihre von Lela Lähnemann von der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales in Auftrag gegebene Studie zur Internet-*Online*-Beratung für lesbische, schwule und bisexuelle, sowie transsexuelle und transgender Jugendliche vor. Die Studie sollte klären, ob junge Menschen zu ihren Fragen online gut beraten werden, wie Chats, Foren und Online-Beratungsangebote arbeiten, wie sie sich vernetzen und wo es Verbesserungspotenzial gibt.

Um zu klären, ob Jugendliche auch *offline* gut beraten werden, waren die beiden pädagogischen MitarbeiterInnen, Judith Eisert und Oliver König, des erst kürzlich in Frankfurt am Main eröffneten Jugendzentrums KUSS41 (L-talk berichtete) eingeladen, sie haben einen Überblick über die ersten vier Monate gegeben.

Online gut beraten?!

Dr. Meike Watzlawik erläuterte mittels einer leicht verständlichen Bildschirmpräsentation die von Friederike Sobiech und ihr herausgefundenen Ergebnisse. „Wie sag ich’s meinen Eltern?“ ist eine von vielen Fragen, die lesbische, schwule und bisexuelle Jugendliche ebenso beschäftigt wie transgeschlechtliche junge Menschen. Rat und Hilfe suchen sie häufig im Internet.

Erstaunlich war, dass LSBTIQ-Jugendliche Beratung weniger bei den “Professionellen” finden, sondern eher bei den “Peers”. Natürlich decken große Anbieter *auch* das Thema Homosexualität mit ab, aber wohler scheinen sich Jugendliche bei “Gleichgesinnten” zu finden. Etwa die Hälfte aller Beratungsanfragen in diesem Bereich werden ehrenamtlich von sog. Selbsthilfe-Projekten beantwortet, die ohne staatliche oder soziale Förderung arbeiten. Diese Angebote entstehen oftmals aus dem Bedarf heraus, dass Jugendliche bei ihnen anfragen.

Die Studie inklusive des gesamten Datenmaterials steht auf der Webseite als PDF zum Download bereit.

Offline gut beraten?!

Nach einer sehr vergnüglichen Mittagspause mit hervorragendem Eis zum Nachtisch stellten Judith Eisert und Oliver König am Nachmittag die ersten 4 Monate in ihrer Einrichtung vor. Auch sie hatten eine kurzweilige Bildschirmpräsentation vorbereitet und der Vortrag gestaltete sich aufgrund vieler direkter Fragen und Kommentare sehr lebendig.

Insgesamt kann man sagen, dass das bundesweit erst dritte Jugendzentrum (JUZ) für LSBTIQ-Jugendliche ausgesprochen gut angenommen wird. Regelmäßig ist das JUZ an vier Tagen in der Woche von 17 – 22 Uhr und einmal in der Woche bis 23 Uhr geöffnet. Es gibt zwei gemischte Tage, einmal für die jüngeren (14 – 18 Jahre am Freitag) und einmal für die älteren (bis 27 Jahre am Dienstag) Besucherinnen und Besucher. Mittwochs ist Mädelstag und donnerstags Jungstag.

Beide pädagogischen MitarbeiterInnen berichteten übereinstimmend, dass Beratung ein Dauerthema sei. Alle Jugendlichen hätten Probleme beim Coming-Out, besonders in der Schule. Am ehesten würden sie sich Freundinnen und Freunden anvertrauen, dann ihren Eltern und in der Schule so gut wie gar nicht. Lediglich ca. 5% der Jugendlichen seien in der Schule geoutet.

Das war für mich die schockierendste Nachricht. Ich dachte bislang, da hätte sich seit meiner Schulzeit (Abi 1982) inzwischen etwas geändert. Ist doch die Schule der wichtigste Lebensinhalt eines Jugendlichen, haben sie dort ihre Freundinnen und Freunde und nicht selten auch die erste Liebe. Und pädagogische Erwachsene sollen dort auch sein. Hab’ ich zumindest gehört!

Die Stimmen der anderen

Unter den Besucherinnen und Besuchern waren auch Vertreter der LSU Hessen (Lesben und Schwule in der Union) und umtriebig und reaktionsschnell wie sie sind, war auch am nächsten Tag gleich eine Presseerklärung da: Diese ist hier nachzulesen.

Eines meiner Lieblingsprojekte ist “Schule ohne Homophobie – Schule der Vielfalt” in NRW. Die Initiative setzt sich mit einer Kampagne dafür ein, dass an Schulen in NRW mehr gegen Homophobie und mehr für die Akzeptanz von unterschiedlichen Lebensweisen getan wird.

Abschluss und Ausklang

Nach einem anregendem und spannendem Diskussionsabschluss gingen VeranstalterInnen und BesucherInnen nahezu geschlossen vom Hessischen Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit in den Hessischen Landtag. Dort hatte die Vizepräsidentin des Hessischen Landtags, Sarah Sorge MdL, zum Sommerempfang für Lesben und Schwule in Hessen eingeladen. Was dort passierte, steht hier…

Links und Quellen:

“LSU Hessen fordert die Landesregierung auf die bestehenden Online-Beratungsangebote für Lesben und Schwule im Coming-out zu stärken”

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