Hammarberg-Bericht: Diskriminierung in Europa

Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und Geschlechterrollen-Identität in Europa, Juni 2011

Wie geht es Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen in Europa? Wie ist ihre rechtliche Situation in den 47 Mitgliedsstaaten des Europarats, wie der tatsächliche Umgang in Gesellschaft, Politik und Medien?

Thomas Hammarberg ist Menschenrechtskommissar des Europarats. Er hat einen vergleichenden Bericht zur Situation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen veröffentlicht. In Gesprächen mit Regierungen, mit Behörden hatte er immer wieder festgestellt , dass für fundierte Diskussionen viel zu wenig objektive Daten und Informationen vorliegen.

„Es gibt spürbaren Widerstand bei vielen Menschen, für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender den vollständigen Genuss universeller Menschenrechte zu gewährleisten. Auch wenn dies vielleicht kein beliebtes Menschenrechtsthema ist, ist nun die Zeit gekommen, die Diskussion voranzubringen und zu konkretisieren,“

sagt Thomas Hammarberg im Vorwort zu seinem Bericht.  Bei L-talk gibt es gar keine Widerstände gegen dieses Menschenrechtsthema und wir fangen gleich mal mit der Diskussion an, indem wir unseren lesbischen Blick auf einige Ergebnisse richten.

Der Bericht gliedert sich in sechs Teile:

  • Auffassungen und Einstellungen
  • Rechtsgrundlagen und ihre Umsetzung
  • Schutz: Gewalt und Asyl
  • Partizipation: Versammlungs-, Meinungs- und Vereinigungsfreiheit
  • Privatsphäre: Geschlechtsidentität und Familie
  • Zugang zu Gesundheitsfürsorge, Bildung und Arbeit

Weil L-talk in den letzten Monaten viel über tatsächliche Diskriminierungserfahrungen und über engagierte Aktivistinnen, gerade in Osteuropa, geschrieben hat, ist der erste Teil des Berichts, “Auffassungen und Einstellungen“, ein guter Einstieg.

Seeigel hat am Beispiel Kroatien in ihrem Kommentar schon darauf hingewiesen, dass das Land vor dem Eintritt in die EU zwar die Standards für Menschenrechte übernehmen wird – in den Köpfen der Menschen ändert das allein aber nicht genug.
Welche Auffassungen und Einstellungen hat Menschenrechtskommissar Hammarberg nun untersuchen lassen – und welche Vorschläge gibt es, um diskriminierende Vorstellungen zu ändern?

Was macht LGBT-Personen aus?

Was unterscheidet sie von anderen diskriminierten Gruppen?

Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen sind eine sehr heterogene Gruppe – gemein ist ihnen, dass sie oft stigmatisiert werden und sich mit Homophobie, Transphobie, Diskriminierung und der Angst vor Ablehnung auseinanderzusetzen haben. Das bedeutet, dass ihnen oft soziale Netzwerke wie ihre Familien, ihr Freundeskreis oder ihre Kolleginnen und Kollegen nicht zur Verfügung stehen, wenn es darum geht, über ihre sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechterrollen-Identität zu sprechen.

Lesben, Schwulen, Bisexuelle und Transpersonen waren lange Zeit in vielen Mitgliedsstaaten des Europarats unsichtbar – und in einigen sind sie es immer noch. Es bestehen große Unterschiede zwischen den 47 Staaten. Der Hammarberg-Bericht macht auf zwei sehr grundlegende Veränderungen aufmerksam, die sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ereigneten: Auf die Entkriminalisierung von einvernehmlicher Sexualität zwischen Erwachsenen (vorrangig zwischen Männern, weil Frauen in diesem Zusammenhang kaum vorkamen) sowie auf die Herausnahme von Homosexualität aus dem Katalog der der Psychischen Erkrankungen.

In einigen Ländern glaubt die Mehrheit der Bevölkerung Umfragen zufolge immer noch, dass Homosexualität illegal ist.

Entkriminalisierung allein schafft keine Gleichstellung

Europa hat sich viel Zeit gelassen mit der Entkriminalisierung von Homosexualität, und es wird schnell deutlich, dass die Entkriminalisierung von einvernehmlichen sexuellen Akten zwischen Erwachsenen nur bedingt Einfluss auf die gesellschaftliche Meinung zu Homosexualität hat. So wurde – L-talk hat schon öfter darüber geschrieben –  einvernehmliche Sexualität zwischen Erwachsenen in Polen bereits 1932 und in Dänemark 1933 legalisiert. Der Unterschied in der gesellschaftlichen Anerkennung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen in diesen beiden Ostseeanrainer-Staaten ist jedoch frappierend, was deutlich macht, dass die juristische Entkriminalisierung allein noch keine Gleichstellung und Anerkennung schafft.

Italien, die Beneluxstaaten, Frankreich und Monaco  blicken bereits auf zwei Jahrhunderte und mehr ohne Kriminalisierung von Homosexualität zurück, die Türkei und San Marino sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts dabei.

Und was die medizinischen Aspekte betrifft, mag Homosexualität nicht mehr als psychische Erkrankung gelten – dennoch gibt es, so der Hammarberg-Bericht, Anzeichen dafür, dass in einigen Ländern Akteure des Gesundheitswesens ebenso wie Schulbücher Homosexualität nach wie vor als biologische Störung oder als Krankheit bezeichnen, die geheilt werden muss.

Wie denken Menschen in Europa über Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen?

Die Haltungen gegenüber LGBT Personen in Europa sind alles andere als homogen – sie reichen von „sehr negativ“ bis „sehr positiv“. Das hängt teilweise von den Themen ab – genannt wird unter anderem die Öffnung der Ehe – und auch von den Zeitpunkten: so sind Wahlen möglicherweise nicht der beste Zeitpunkt, um Politikerinnen und Politiker für Homo-positive Forderungen zu gewinnen. Der Hammarberg-Bericht verweist auf eine ganze Reihe europaweiter Studien wie das Eurobarometer, die Europäische Wertestudie und den European Social Survey (ESS). Diese Studien haben sich auf Fragen konzentriert wie die, ob schwule Männer und lesbische Frauen ihre Leben so leben sollten wie sie es wünschen, welche Einstellung Menschen zu einem schwulen Nachbarn oder einer lesbischen Nachbarin haben oder ob ein Schwuler Regierungschef beziehungsweise, wie in Island, eine Lesbe Regierungschefin werden sollte.

Frau, jung, gebildet und links …

Bei Ansehen der soziodemografischen Profile wird deutlich, dass grundsätzlich

  • Männer negativer über LGBT Personen denken als Frauen,
  • ältere Menschen negativer über LGBT Personen denken als jüngere,
  • weniger gebildete Menschen negativer über LGBT Personen denken als gebildete,
  • politisch rechts denkende Menschen negativer über LGBT Personen denken als politisch links denkende.

Positiv wirkt sich auf jeden Fall aus, Lesben, Schwule, Bisexuelle oder Transpersonen im Bekanntenkreis zu haben, hier hat die Eurobarometer Umfrage von 2008 eine Korrelation nachgewiesen. Die wenigsten lesbischen, schwulen, bisexuellen und transsexuellen Freundinnen und Bekannten haben – nach ihren eigenen Angaben – Menschen in Rumänien (3%) , Lettland und Bulgarien; die meisten haben Menschen in den Niederlanden mit 69%, gefolgt von Schweden, Dänemark, Frankreich und dem Vereinigten Königreich mitjeweils rund 55%.

Willkommen sein – die Nachbarschafts-Frage

Der Hammarberg-Bericht führt eine türkische Untersuchung von 2009 an, nach der 87% der Bevölkerung keine lesbische Nachbarin und keinen schwulen Nachbarn haben will; das gleiche Ergebnis kam bei einer armenischen Untersuchung von 2005 heraus.  Nach einer kroatischen Untersuchung im Jahr 2002 lehnten knapp die Hälfte der Befragten einen schwulen Nachbarn oder eine lesbische Nachbarin ab. Und 2007 gaben  62% der Befragten in Mazedonien an, es sei „unakzeptabel, Nachbarn zu haben, die sexuelle Beziehungen mit Menschen gleichen Geschlechts haben“.

Schulen, Vereine und Polizei

Allerdings ist die Nachbarschafts-Frage nur ein Indikator unter vielen. Andere Dinge werden noch viel negativer bewertet. In Zypern beispielweise würden mehr Menschen es ablehnen, wenn ihr Kind von einer lesbischen Lehrerin oder einem schwulen Lehrer unterrichtet würde, als Lesben oder Schwule in der direkten Nachbarschaft zu haben.  In einer Studie aus Litauen sagten 62%, sie seien nicht bereit, in einer Organisation zu sein, die lesbische oder schwule Mitglieder zulasse, 69% wollen nicht, dass Schwule oder Lesben in Schulen arbeiten und 50% haben Einwände gegen Schwule und Lesben bei der Polizei.  Nach einer Studie aus Bosnien und Herzegowina würden sich 71% der Befragten in der Gegenwart einer lesbischen oder schwulen Person sehr unwohl fühlen und 82% haben negative Meinungen über Lesben und Schwule, wenngleich der Hammarberg-Bericht ausdrücklich darauf hinweist, dass in eben dieser Studie die Meinungen zu den Themen Homosexualität und Prostitution abgefragt wurden.

Zwischen Ausgrenzung und Vereinnahmung: nationale, religiöse und traditionelle Werte

In einigen Mitgliedsstaaten wird es als „Verrat“ nationaler Werte und Einheit verstanden, schwul oder lesbisch zu sein, oder es wird als Gefahr für den Staat verstanden, als dem Land abträglich, als Untergraben der moralischen Normen der Gesellschaft. Solche Aussagen werden beispielsweise aus Armenien, der Russischen Föderation, Serbien, Bosnien und Herzegowina berichtet.

Andere Mitgliedsstaaten verwenden das Argument der nationalen Werte genau andersherum, indem der Respekt gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender Personen als Gradmesser für Toleranz gilt, die der nationalen Kultur innewohnt. Diese nationale Kultur wird als explizit anders als die der Migrantinnen und Migranten herausgehoben. Als Beispiele hierfür nennt der Bericht unter anderem Dänemark, Deutschland und die Niederlande mit ihren Abgrenzungen insbesondere zu muslimischen Gesellschaften. Der Hammarberg-Bericht bezieht sich an dieser Stelle auf den “homo-Nationalismus”-Diskurs und nennt dabei auch auf Judith Butler.

Genau diese Vereinnahmung war der Grund für Judith Butler, am 19. Juni 2010 den Zivilcouragepreis des Berliner CSD  abzulehnen. L-talk hatte die Rede von Judith Butler damals transcribiert (Judith Butler: CSD nicht antirassistisch genug). Sie sagte unter anderem:

“Wir haben aber gemerkt, dass homo bi lesbisch trans queer Leute benutzt werden können von jenen die Kriege führen wollen. Das heißt kulturelle Kriege gegen Immigrantinnen, durch forcierte Islamophobie und militärische Kriege gegen Irak und Afghanistan. Während dieser Zeit und durch diese Mittel werden wir rekrutiert für Nationalismus und Militarismus.
Gegenwärtig behaupten viele europäische Regierungen, dass unsere schwul lesbische queer Freiheit geschützt werden muss, und wir sind gehalten zu glauben, dass der neue Hass gegen Immigrantinnen nötig ist, um uns zu schützen.”

Einerseits geht es also um die Ausgrenzung, weil die lesbische (schwule …) Lebensweise nicht zu den religiösen Werten passt, auf der anderen Seite werden Lesben (Schwule …) instrumentalisiert, um die Kultur von Migrantinnen und Migranten abzuwerten. Dass beide Argumentationen nicht besonders gut geeignet sein werden, um Europa weiter zusammenwachsen zu lassen und Respekt voreinander zu entwickeln, sollte eigentlich auf der Hand liegen. Der Hammarberg-Bericht hat dazu eine Reihe von Untersuchungsergebnissen aus den letzten Jahren zusammengestellt.

Neben diesem Aspekt werden noch zwei andere genannt:

Gruppen, die für sich  einen religiösen Vertretungsanspruch erheben, können stark dazu beitragen, dass das Ansehen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen sinkt. Dass es auch anders herum geht, zeigt eine Aussage des Afrikanischen Erzbischofs Tutu, der Parallelen zwischen der Apartheid und der Diskriminierung von Homosexuellen zieht.

Als Drittes wird die traditionelle Definition von Geschlecht und Familie genannt, die durch Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen herausgefordert wird. Der Hammarberg-Bericht führt an, dass zahlreiche Interessengruppen, unter anderem aus Albanien, Italien, Georgien, Griechenland, Montenegro und der Ukraine betonten, in ihrer Gesellschaft seien patriarchale Werte stark vertreten, darunter Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit. Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen können in diesem Zusammenhang als Bedrohung der heterosexuellen Familie wahrgenommen werden.

Provokation Sichtbarkeit

Was für heterosexuelle Paare unspektakulär und alltäglich ist – Händchenhalten, Küsse, Smalltalk über das Privatleben – kann bei Lesben und Schwulen durchaus als provokativ und anstößig gelten.

Das wird, schreibt der Hammarberg-Bericht, von einigen Vertreterinnen und Vertretern nationaler Menschenrechtsorganisationen aufgegriffen. Sie vertreten die Meinung, es sollte nicht unbedingt öffentliche Orte wie Clubs und Bars für LGBT Personen geben, und Widerstand gegen öffentliche LGBT Ereignisse sei verständlich, weil hiermit sexuelle, intime oder private Angelegenheiten dargestellt würden. Zitiert wird ein Mitglied des Litauischen Parlaments mit den Worten: „Ich habe nichts gegen Homos, aber ich wünschte, sie würden ihre Sichtweisen nicht vorführen.“

Zahlreiche Studien zeigen, dass es bevorzugt würde, wenn LGBT Personen in der Öffentlichkeit nicht sichtbar wären, sondern sich diskret verhalten oder sich auf die private Sphäre beschränken. Zum Beispiel zeigt eine Studie aus den Niederlanden,  dass 40% der Bevölkerung es anstößig finden, wenn zwei Männer sich in der Öffentlichkeit küssen, bei zwei Frauen sind dies immer noch 27%. Küsse eines heterosexuellen Paares werden nur von 13% beanstandet. Jeder dritte Mensch in den Niederlanden findet es weniger problematisch, wenn ein Mann und eine Frau Hand in Hand gehen, als wenn zwei Männer das gleiche tun.  Eine Studie aus Deutschland erbrachte ähnliche Ergebnisse.

Während es für Lesben, Schwule und Bisexuelle noch möglich sein mag, sich für ein Leben im Verborgenen zu entscheiden, haben Transgender Personen das entgegengesetzte Problem. Aufgrund des oft lang dauernden Geschlechtsumwandlungsprozesses fallen sie aus der normativen Wahrnehmung heraus, wie eine „Frau“ oder ein „Mann“ aussehen sollte. Das betrifft auch ganz alltägliche Tätigkeiten. Hinzu kommt das Fehlen von positiv besetzten  Vorbildern.

Medien machen Meinung – auch über Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender

Medien haben signifikanten Einfluss auf öffentliche Meinung und Gesellschaft, und zum Teil spiegeln sie sie. In der Mehrzahl der Mitgliedsländer belegen Untersuchungen, dass LGBT Themen in den Medien unterrepräsentiert sind und dass Medien in unterschiedlichem Ausmaß LGBT Themen vereinfachen, Sensationsmache betreiben und Stereotype bedienen.

Was Lesben betrifft, stellt Elke Amberg zurzeit gerade ihr neues Buch über die Darstellung von Lesben in deutschen Medien vor, über das mit Sicherheit noch zu reden sein wird. In anderen Ländern sieht es, was die Art und den Umfang der Darstellung betrifft, jedoch noch ganz anders aus.

Der Hammarberg-Bericht sieht ein besonderes Problem in den Gesellschaften, in denen homophobe und transphobe Debatten in den Medien geführt werden. Hier werden unter anderem Bosnien und Herzegowina, Italien, Polen und Lettland genannt. In einigen Studien, beispielsweise der bereits genannten aus Bosnien und Herzegowina, wurden die Medien sogar als Anheizer von Homophobie ausgemacht, die Hass-Sprache verwendeten.  Auch in einer russischen Analyse von 2009 wurden Medien als aktive Mitspieler bei der Schaffung eines negativen Bilds von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen ausgemacht.

Good Practice für Journalistinnen und Journalisten

Der Hammarberg-Bericht zeigt auch neuere, bessere Beispiele auf. So fanden in zahlreichen Staaten Fortbildungen für Journalistinnen und Journalisten statt mit dem Ziel, Mythen und Stereotypen über Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen zu entlarven. In Großbritannien evaluiert der Sender Channel 4 laufend, wie ethnische Minderheiten, Schwule und  Lesben, Menschen mit Behinderung und weitere Gruppen in der eigenen Berichterstattung vorkommen. Speziell zur Wahrnehmung seiner Darstellung von lesbischen Frauen und schwulen Männern durch die Zuhörerinnen und Zuhörer gab der Sender 2009 eine Studie in Auftrag.

Wie weiter?

Nach der Lektüre des Hammarberg-Berichts – und besonders des hier vorgestellten Teils über Auffassungen und Einstellungen zu Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen – drängt sich eine Richtung förmlich auf: nach vorn. Auch wenn nicht immer ganz offensichtlich ist, wo genau nun vorn ist und das wieder neue Fragen und Unsicherheiten provoziert.

Wenn positive Einstellungen von Menschen zu Lesben und Schwulen davon abhängen, dass sie welche von uns kennen: Sollen sie uns noch besser kennenlernen! Es liegt bei uns, dafür zu sorgen, dass jede und jeder in unserem Umfeld weiß, dass sie mindestens eine Lesbe kennen.

Wenn Journalistinnen und Journalisten zum x-ten Mal unzutreffend über uns berichten, schreiben wir sie eben zum x-ten Mal an, um sie darauf aufmerksam zu machen. Wenn es böser Wille war, werden wir nichts ändern. Wenn es aber aus Unkenntnis geschah, erklären wir es ihnen eben. Nochmal.

Das Bespiel mit dem britischen Sender, der seine Arbeit auf Minderheiten-Repräsentanz hin evaluiert ist gut. In Deutschland sitzen auch Politikerinnen und Politiker in den Rundfunkräten. Sie können und sollten darauf Einfluss nehmen, dass öffentliche Sender LGBT-Themen bringen und dass die Berichterstattung ausgewogen ist.

Was die Sichtbarkeit betrifft, wird sich die Öffentlichkeit wohl daran gewöhnen müssen, da wäre ein Zurück ins Versteck bestimmt nicht das beste Vorgehen.

Das Problem mit der Vereinnahmung durch die “falschen” Leute aus den “falschen” Gründen ist wirklich schwierig. Selbst wenn die Argumentation richtig ist, dass es nur darum geht, uns als Vorwand für rassistisches Handeln zu instrumentalisieren, haben doch Lesben die gleichen Ängste und Vorbehalte wie andere Menschen auch. Wir stehen eben nicht überklug und unbeeinflusst von Populismus immer auf der Seite der “Guten”. Und auch wenn der Kopf weiß, dass es dem Gegenüber nicht um eine selbst geht, fühlt sich die Unterstützung doch manchmal schön an. Auch, selbstkritisch bemerkt, in “den eigenen Reihen” – welche das im Einzelnen immer sein mögen – gibt es kaum eine Diskussion um Diskriminierung, bei der nicht irgendwer über “Migranten aus dem Mittelmeerraum” dieselben Ausdrücke benutzt wie Menschen, die uns nicht mögen, über Lesben und Schwule.  Das wird noch eine lange und nicht immer lustvolle Debatte. Aber interessant!

Links und Quellen:

  • Der Hammarberg-Bericht:
    Discrimination on grounds of sexual orientation and gender identity in Europe, Juni 2011, Council of Europe Publishing, Download (pdf) beim Europarat
    Die aus dem Bericht angeführten Zahlen, Daten und Fakten beziehen sich – soweit nicht anders angegeben – auf das Kapitel 1 des Berichts, Attitudes and perceptions, Seiten 21 – 34
  • Eurobarometer 296 (dt.) Diskriminierung in der Europäischen Union: Wahrnehmungen, Erfahrungen und Haltungen, Befragung: Februar – März 2008, Veröffentlichung: Juli 2008, Download (pdf) bei der Europäischen Kommission
  • Eurobarometer 296 – Ergebnisblatt für Deutschland, Download (pdf) bei der Europäischen Kommission
  • Eurobarometer 296 – Alle Ergebnisblätter im Überblick (Link zur Übersichtsseite der Europäischen Kommission)
  • Eurobarometer 317 (dt.) Diskriminierung in der EU im Jahr 2009, Befragung: Mai 2009 – Juni 2009, Veröffentlichung: November 2009, Download (pdf) bei der Europäischen Kommission
  • Eurobarometer Special Surveys Overview, Download (pdf) bei der Europäischen Kommission

4 Gedanken zu „Hammarberg-Bericht: Diskriminierung in Europa“

  1. Schade, daß der oben stehende Text intersexuelle Menschen nicht erwähnt. Im Hammarberg-Bericht werden sie zwar vereinzelt erwähnt, ohne das wohl größte Problem zu benennen: Immer noch werden ohne medizinische Notwendigkeit Zwangsoperationen an intersexuellen Kindern durchgeführt. Dagegen muß dringend was getan werden. Übrigens sind relativ viele intersexuelle Menschen als Erwachsene lesbisch. Siehe auch die Veranstaltung auf dem LFT 2011 in Rostock. Für weitere Informationen fragt “Intersexuelle Menschen e.V.”, “Zwischengeschlecht.org” und “Internationale Vereinigung intergeschlechtlicher Menschen”.

    1. @Michaela
      Schreib’ doch einfach mal einen Gastbeitrag über intersexuelle Lesben für L-talk, das fände ich sehr interessant.

  2. ja, Michaela, bitte!

    im Juli 2009 hab ich folgenden Kommentar geschrieben, von dem ich meine, dass hier eventuell Korrekturen oder zumindest ein Update nötig wäre. Publiziert in “escape- Hamburgs Magazin für Lesben” (http://www.escape-hamburg.de), print only, monatliche Erscheidungsweise.

    Menschenrechte von Anfang an. Zwischen Geschlechtern

    Werde ich bei meiner Geburt weder als „eindeutig weiblich“ noch als „eindeutig männlich“ eingestuft, geht es mir wie etwa jedem tausendsten Kind. Mir wird dann ein großes gesundheitliches Risiko zugemutet, weil ich nicht willkommen bin so wie ich bin. Ich werde durch eine Operation an meinen Genitalien zwangsweise entweder zu „Mädchen“ oder zu „Junge“ normiert. Mein Leben lang werde ich wohl abhängig von Hormonpräparaten sein. Derzeit ist es sogar rechtens, dass ich das Licht der Welt erst gar nicht erblicke – mittels pränataler „Diagnostik“ und Spätabtreibung. Was muss ich als Zwitter gefährlich sein – wem eigentlich? Dabei ist die Gesellschaft lebensgefährlich, denn sie ist nicht bereit, Vielfalt gleich von Anfang an zu respektieren.

    UN rügt die Bundesregierung

    Bei einer Demo vor der UN in Genf im Januar wurde die sofortige Abschaffung der medizinischen Verbrechen an Zwittern gefordert, die noch immer täglich begangen werden. Im Februar 2009 erging seitens der UN-Menschenrechtskommission eine erneute Mahnung an die Bundesregierung, endlich mit Betroffenenverbänden in Dialog zu treten. Wichtige Details zur Lage sind nachzulesen im sogenannten „Schattenbericht“, der von den Vereinen XY-Frauen e.V. und Intersexuelle Menschen e.V. gemeinsam verfasst wurde.

    „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ – so heißt es in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Statt dessen werden Menschen normiert „an irgendeinem Konstrukt – und Männer und Frauen sind nun mal nur Konstrukte“, werden angeglichen, „ohne sie zu fragen, ohne sie zu informieren“ – so Lucie Veith, Vorsitzende des Vereins Intersexuelle Menschen e.V., die sich selbst als eine Überlebende von Medizinversuchen bezeichnet.

    Hamburger Anhörung

    Am 29. April 2009 gab es im Hamburger Rathaus die erste Anhörung zu den Rechten, Erfahrungen und Forderungen von Intersexuellen/ Zwittern/ Hermaphroditen. Außer Lucie Veith waren weitere fünf ExpertInnen anwesend, die die Fragen der Parlamentsabgeordneten überwiegend solidarisch beantworteten. Angestrebt wird eine politische Debatte und – so will ich hoffen – rechtliche Verbesserungen. Ich finde jede der dort geäußerten Forderungen wichtig, unter anderem, dass Überlebende Einsicht in vollständige Operationsakten erhalten. Besser, es wird weder spätabgetrieben noch operiert.

    Zu dieser Sitzung des Gesundheits-Ausschusses gibt es ein lesenswertes Wortprotokoll, herunterladbar aus der „Hamburger Parlamentsdatenbank“ (29.4.2009). Darin finden sich auch Berichte von Lucie Veith: Die ersten Kinder, die in diesem Land ohne Operationstraumata aufwachsen durften, seien derzeit 15 Jahre alt. Bei der Aufklärungsarbeit in Schulen mache sie sehr erfreuliche Erfahrungen.

    Diejenigen, die die herkömmlichen operativen Zwangsmaßnahmen überlebten, wurden zu 85% weiblich zugewiesen. Nicht wenige von ihnen leben heute übrigens lesbisch.

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