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Judith Butler: CSD nicht antirassistisch genug

geschrieben am 20. Juni 2010 von L-talk --> · 18 Kommentare

“Es tut mir Leid. Unter diesen Umständen kann ich den Preis nicht annehmen.”

Judith Butler lehnte am 19. Juni den Zivilcourage-Preis des Berliner CSD ab:

_

Erstmal ganz herzlichen Dank an YouTube Nutzer andrenarchy: Du hast zur richtigen Zeit auf die Aufnahmetaste deines Geräts gedrückt!

Die ersten Sekunden von Judith Butlers Redebeitrag fehlen. Wenn jemand die Rede komplett mitgeschnitten hat, sind wir für einen Hinweis oder Link dankbar. Und falls wir im folgenden Transkript etwas nicht richtig gehört und mitgeschrieben haben: Bitte korrigiert uns.

UPDATE 22. Juni
Der erste Satz der Rede fehlt im Video, er ist im Transkript aus dem 3sat-Beitrag ergänzt, auf den Paula in ihrem Kommentar hingewiesen hat – vielen Dank dafür!

(Eklat beim Christopher Street Day. Philosophin Judith Butler lehnt CSD-Preis ab, 3sat Kulturzeit, 21.6.2010)

Judith Butler über ihre Gründe für die Ablehnung des Zivilcouragepreises

Wenn ich darüber nachdenke was es heutzutage heißt einen solchen Preis zu akzeptieren, so finde ich, dass ich meine Courage eher verlieren würde, wenn ich ihn unter den gegebenen politischen Bedingungen einfach akzeptiere.

Einige der Veranstalterinnen haben sich explizit rassistisch geäußert beziehungsweise sich nicht von diesen Äußerungen distanziert. Die veranstaltenden Organisationen weigern sich antirassistische Politiken als wesentlichen Teil ihrer Arbeit zu verstehen.

In diesem Sinne muss ich mich von dieser Komplizenschaft mit Rassismus einschließlich antimuslimischem Rassismus distanzieren. Wir haben aber gemerkt, dass homo bi lesbisch trans queer Leute benutzt werden können von jenen die Kriege führen wollen. Das heißt kulturelle Kriege gegen Immigrantinnen, durch forcierte Islamophobie und militärische Kriege gegen Irak und Afghanistan. Während dieser Zeit und durch diese Mittel werden wir rekrutiert für Nationalismus und Militarismus.

Gegenwärtig behaupten viele europäische Regierungen, dass unsere schwul lesbische queer Freiheit geschützt werden muss, und wir sind gehalten zu glauben, dass der neue Hass gegen Immigrantinnen nötig ist, um uns zu schützen.

Deswegen müssen wir nein sagen zu einem solchen Deal, und wenn man nein sagen will unter diesen Umständen, dann nenne ich das Courage.
Und wer sagt nein? Wer erlebt diesen Rassismus? Wer sind die queers, die wirklich gegen eine solche Politik kämpfen? Wenn ich also einen Preis für Courage annehmen würde, muss ich den Preis zu Recht an jene weiterreichen, die wirklich Courage demonstrieren.

Wenn ich könnte, würde ich den Preis weiterreichen an folgende Gruppen, die zu dieser Zeit und an diesem Ort Courage zeigen:

Erstens: GLADT, Gays and Lesbians from Turkey, das ist eine queere Beratungsorganisation. Diese Gruppe arbeitet heute sehr erfolgreich zu den Themen Mehrfachdiskriminierung, Homophobie, Transphobie, Sexismus und Rassismus.

LesMigraS, lesbische Migrantinnen und schwarze Lesben, ist der Anti-Gewalt und Antidiskriminierungsbereich der Lesbenberatung Berlin. Er kann auf nunmehr 10 Jahre erfolgreiche Arbeit zurückblicken. Er arbeitet zu Mehrfachdiskriminierung, Self-Empowerment und antirassistischer Arbeit.

SUSPECT ist eine kleine Gruppe von queers, die eine Anti-Gewaltbewegung aufgebaut haben und die dafür einstehen, dass es nicht möglich ist, gegen Homophobie zu kämpfen ohne auch gegen Rassismus zu kämpfen.

ReachOut ist eine Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer, antisemitischer und homophober, transphober Gewalt in Berlin. Sie sind kritisch gegenüber struktureller und staatlicher Gewalt.

Das sind alles Gruppen, die bei dem Transgenialen CSD mitarbeiten, mitgestalten, der sich gegen Homophobie, Transphobie, Rassismus, Sexismus und Militarismus einsetzt und im Gegensatz zum kommerziellen CSD sein Datum wegen der Fußball-Weltmeisterschaft nicht verschoben hat.

Ich möchte diesen Gruppen gerne gratulieren für ihre Courage und es tut mir Leid, unter diesen Umständen kann ich den Preis nicht annehmen.

_

Links zu den von Judith Butler genannten Organisationen:

  • GLADT, die einzige unabhängige Selbst-Organisation von türkeistämmigen Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen und Transgendern (LSBTT) außerhalb der Türkei, gladt.de
  • ReachOut ist eine Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Berlin, reachoutberlin.de
  • Transgenialer CSD, transgenialercsd.wordpress.com
  • LesMigraS, Antigewalt und Antidiskriminierungsbereich der Lesbenberatung Berlin e.V., lesmigras.de
  • SUSPECT, nohomonationalism.blogspot.com

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18 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 yemaya // Jun 20, 2010 at 19:28

    “…gegen Immigrantinnen, die [? Wort nicht verstanden] Islamophobie… ”

    höre ich als:

    “…gegen Immigrantinnen, durch forcierte Islamophobie… “

  • 2 Joni.T // Jun 20, 2010 at 19:33

    Danke! Das muss es sein, passt perfekt.

  • 3 QX // Jun 20, 2010 at 20:49

    Danke fürs transkribieren!

    “Die veranstaltenden Organisationen haben sich antirassistische Politiken…” nicht “haben”, sondern “weigern”. “… dass homo bi trans queer Leute benutzt werden können…” Da fehlt “lesbisch” zwichen “bi” und “trans”.

  • 4 Theorie als Praxis // Jun 20, 2010 at 20:50

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/06/20/eine-radikale-geste-mit-schalem-nebengeschmack/

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/06/20/abschrift-der-preis-annahme-verweigerungsrede-von-judith-butler-beim-csd-in-berlin/ (mit weiteren Anmerkungen)

  • 5 QX // Jun 20, 2010 at 21:02

    “die dafür einstehen, dass es möglich ist, gegen Homophobie zu kämpfen oder auch gegen Rassismus zu kämpfen.” ist eigentlich “die dafür einstehen, dass es nicht möglich ist, gegen Homophobie zu kämpfen ohne auch gegen Rassismus zu kämpfen.”

  • 6 Joni.T // Jun 20, 2010 at 21:45

    Vielen Dank, QX. Gratulation zu deinem super Gehör. Ist alles verbessert. Langsam wird es ein richtiger Text :-)

  • 7 Judith Butler in Berlin: Rassismus-Kritik, Demokratie-Ideale und wenig zu Anti-Kriegspolitik « mädchenblog // Jun 21, 2010 at 00:18

    [...] Judith Butler: CSD nicht antirassistisch genug http://www.l-talk.de/gesellschaften/judith-butler-csd-nicht-antirassistisch-genug.html (vollständige Abschrift des Videos mit der [...]

  • 8 Abschrift der Preis-Annahme-Verweigerungsrede von Judith Butler beim CSD in Berlin « Theorie als Praxis // Jun 21, 2010 at 00:37

    [...] http://www.l-talk.de/gesellschaften/judith-butler-csd-nicht-antirassistisch-genug.html soll es sich nur um einige Sekunden handeln, die fehlen. [...]

  • 9 Schwuchteln, Schwule und andere Menschen – Homophobie im Fußball « Analyse, Kritik & Aktion // Jun 21, 2010 at 12:25

    [...] Gegner_innen betrifft, ist mehr als widerwärtig. Diese Ausgrenzungsmechanismen lassen sich aber, wie Judith Butler bei ihrer Ablehnungsrede zum CSD Zivilcouragepreis, zahlreichen Organisationen [...]

  • 10 Bodo // Jun 21, 2010 at 16:24

    Judith Butler hat den Zivilcouragepreis verdient, denn sie hat unbestreitbare Verdienste für eine grundlegende Kritik an der Heterosexualität als Norm gesellschaftlicher Verhältnisse. Wir haben Sie als kritische Intelektuelle eingeladen und von daher mussten wir mit Kritik rechnen. Doch ihre Kritik des Nationalismus und Rassismus durch „Teile der Mitveranstalter“ irritiert uns. Der CSD hat nur einen Veranstalter, den Berliner CSD e.V. repräsentiert durch die vier Vorstände. Thema, Motto und Forderungen werden im CSD-Forum basisdemokratisch bestimmt. Dies ist bundesweit einzigartig.
    Der Berliner CSD wendet sich stets gegen jede Form des Rassismus und Antisemitismus. Wir freuen uns über das schwenken israelischer Fahnen auf dem CSD, anders als beim Transgenialen CSD.
    Da Frau Butler noch bis zum 12. Juli in Europa weilt, werden wir mit ihr das Gespräch suchen, damit sie die Vorwürfe konkretisieren kann. Wir haben sie bereits kontaktiert. Wir werden auch das Gespräch mit den von ihr benannten Gruppen suchen, einige Gespräche sind sogar schon erfolgt.
    Schade finden wir, dass wir diesmal mit Thema und Motto ein klares Bekenntnis für die Menschenrechte von Trans* und Intersexuellen abgeben wollten. Ammo Recla, ABQueer, sprach auf der Bühne über Transrechte im Berliner Akzeptanzplan. Dieses Thema fiel nun durch Butlers Eklat nach hinten.
    Der Berliner CSD lebt von der Community, deshalb werden nach dem Sommerloch wieder die gesamte Community zu einem Forum einladen. Wir hoffen, das LesMigras, Suspect, die Lesbenberatung (die im übrigen den Zivilcouragepreis vor drei Jahren vom Berliner CSD erhalten hat) und viele andere an einer interessanten Debatte zu in Inhalt und Form des nächsten CSD teilnehmen.
    Bodo, Vorstand Berliner CSD

  • 11 Berlinerin // Jun 21, 2010 at 23:52

    @Bodo

    Mir ist wichtig, dass die Personen die eine CSD Veranstallung moderieren sich mit politischen Themen ausseinander gesetzt haben.
    Die Stellungnahme direkt nach Frau Butlers Auftritt war schrecklich.
    Sucht ihr auch das Gespräch mit den Moderatoren, damit sie eine Stellungnahme bringen?

  • 12 Paula // Jun 22, 2010 at 05:32

    Hallo,

    hier ist der Anfang von der Rede die Judith Butler hielt:

    http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=19172&mode=play

  • 13 Judith Butler über „soziale Gerechtigkeit“ sowie high und happy in den Straßen feiern (Interview) « mädchenblog // Jun 22, 2010 at 13:28

    [...] – es folgen nahezu identisch die bereits bekannten Aufzählungen und Erläuterungen, die auf Deutsch Teil ihrer Rede waren, TaP], but I have to [...]

  • 14 SUSPECT-PRESSRELEASE JUDITH BUTLER BERLIN PRIDE 2010 « fachschaftsinitiative gender studies // Jun 22, 2010 at 22:59

    [...] http://www.l-talk.de/gesellschaften/judith-butler-csd-nicht-antirassistisch-genug.html [...]

  • 15 Freddy // Jun 24, 2010 at 10:49

    @Berlinerin

    Die an verschiedenen Stellen zitierten Sätze der Moderatoren sind sicher unter aller Kanone. Krisenkommunikation – und ein völlig unerwarteter Verlauf un dggf. dabei die selektive Wahrnehmung des Angriffs auf die womöglich persönlich geschätzten Organisator/inn/en ist eine kurzfristige Krise – ist imho keine Frage politischer Bildung sondern entsprechender Erfahrung. Ole Lehmann ist ein Rampensau, aber eben kein Krisenkommunikator. Und wer sich die Interviews kurz nach der Veröffentlichung von Hochrechnungen am Wahlabend ansieht, sieht vielleicht auch ähnliche (und menschliche) Fehler bei Politprofis denen es fürwahr nicht an thematischer Kompetenz mangelt.

    Das Statement von Bodo hier, das aus der Ruhe nach dem Sturm formuliert wurde, empfinde ich als sehr angenehm und angebracht* und ich wünsche der Berliner Community alles Gute aus diesem Impuls von J. Butler.

    Internette Grüße

    *an anderer Stelle oder später / mit niedrigerer Priorität ist sicherlich auch eine Stellungnahme der Moderatoren oder des Vereins den sie on stage vertreten haben nützlich und angebracht.

  • 16 Noch einmal zu den Rassismus-Vorwürfen gegen den Berliner CSD « Theorie als Praxis // Jun 29, 2010 at 16:38

    [...] Judith Butler: CSD nicht antirassistisch genug http://www.l-talk.de/gesellschaften/judith-butler-csd-nicht-antirassistisch-genug.html (vollständige Abschrift der Videos mit der Rede [aber ohne Kennzeichnung einer Lücke, die es [...]

  • 17 Butler vs. CSD « kiturak // Jun 30, 2010 at 09:24

    [...] Transgeniale CSD und L-talk haben Butlers gesamte (in deutsch gehaltene) Rede transkribiert, jeweils dort zu [...]

  • 18 Na also, warum nicht gleich so? « mädchenblog // Jul 4, 2010 at 00:01

    [...] vierte von Medienkritik verlinkte Text ist unter dem Gesichtspunkt der Rechtfertigungs-Erklärung von Bodo vom Vorstand des Berliner CSD e.V. von Interesse. In der Rechtfertigungs-Erklärung heißt es: „Der CSD hat nur einen [...]

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