Lesben in der Türkei

[verfasst am 13.6.2008, zuerst veröffentlicht in Print bei escape, Ausgabe Juli 2008, hier mit Aktualisierungen und Links]

Die Türkei ist seit 1923 Republik. Um Religion und Emanzipation wird viel gestritten. Das Verfassungsgericht hat Mitte Juni ein Gesetz der Regierung Erdogan für nichtig erklärt: Kopftuchtragen bleibt an Hochschulen verboten.

Die Türkei als lesbenfeindliches Land? So nehmen wir es heutzutage wahr. Doch nicht immer war weibliche Homosexualität in dieser Region verpönt – aber vielleicht wird sich trotz aktueller Repressionen in Zukunft einiges verbessern.

Der Blick zurück

In der Jungsteinzeit gab es nachweislich matrische Kulturen in Zentralanatolien (mindestens an den heute berühmten Ausgrabungsorten Hacilar und Çatalhöyük, siehe ‘Göttin‘). Wichtige und anschauliche Einzelheiten dazu sind nachzulesen bei der in Litauen geborenen Prähistorikerin und Anthropologin Marija Gimbutas (1921-1994) in zwei umfassenden Werken von 1989 und 1991, deren beide Bände ‘Die Sprache der Göttin’ und ‘Die Zivilisation der Göttin’ 1995 und 1996 in deutscher Übersetzung bei Zweitausendeins herausgegeben wurden. Zwar lässt das allein noch nicht darauf schließen, dass es ‘Lesben’ gab, wohl aber wird damit klar, dass es da, wo heute die Türkei liegt, die Kulturen weit weniger patriarchalisch ausgeprägt waren als die, die wir im Westen heute – vorsichtig ausgedrückt – als eine solche wahrnehmen.

Komplexe aktuelle Lage

Die Lage ist in den letzten Jahren sehr komplex geworden. Einer großen Anerkennung für schwule oder transsexuelle Sänger und Sängerinnen und einer bunten Partyszene stehen nach wie vor starke Repressionen gegenüber. Es ist ein politisches Gerangel im Gange, nicht zuletzt wegen des von der EU aufgebauten Drucks. Ob dieser von außen ins Land getragene Druck jedoch günstig ist?

Wichtig festzuhalten ist, dass Homosexualität in der Türkei seit Gründung der Republik 1923 nie verboten war. Das liegt daran, dass dem türkischen Strafgesetzbuch der französische Code Napoleon zugrunde gelegt wurde. Und dieser stammt von 1811, aus der Zeit nach der Französischen Revolution mit ihren emanzipatorischen Ideen. Jedoch gibt es in der türkischen Rechtspraxis weiterhin Faktoren wie ‘Brauch’ und ‘Ehre’, die in ihrer Ausprägung bei Gerichtsurteilen den Ideen des Zivilgesetzbuchs entgegen zu stehen scheinen – aus westlicher Sicht.

Andererseits gibt es nicht nur im christlich dominierten Westen Vorstellungen davon, was Menschenrechte sind. Also gilt es, offen zu sein für verschiedene Wege, Grundlagen friedlichen Zusammenlebens zu definieren.

Für den aktuellen Türkei-Bericht der Menschenrechtsorganisation von Human Rights Watch im Mai 2008 sind auch Interviews mit Lesben geführt worden. Diese erzählen, dass und wie sie von Familienangehörigen verfolgt werden. Es wird klar, dass diesen Frauen als Lesben durch ihre Väter, Mütter, Brüder, Schwestern das Ausleben wesentlicher menschlicher Grundbedürfnisse streitig gemacht wird.

Nach der Liste des Friedensforschers Johan Galtung sind dies: Bedürfnisse des Überlebens (dem steht die Androhung von Beinbrüchen gegenüber), des Wohlergehens (sie sollen zur Strafe Elend zu spüren bekommen), der Identität (Zuneigung der Herkunftsfamilie wird entzogen), der Freiheit (sie sollen nicht diejenige zur Partnerin wählen dürfen, die sie lieben). Wie in anderen Ländern auch gibt es dabei ein Land-Stadt-Gefälle.

Zwischen Erfolg und Verbot

Bereits 2001 gab es eine Lesbenzeitschrift Öte-ki-ben (from Woman to Woman), von der eine oder mehrere Ausgaben in Ankara erschienen. In etwa derselben Zeit hatte sich in Istanbul eine Lesbengruppe konstituiert. Als selbstorganisierte Handarbeitsgruppe von Frauen getarnt konnte sie sich relativ geschützt und in normalen Räumen treffen. Ausländische Unterstützung kam vor allem aus Frankfurt/ Main. Hülya Tarman war im Dezember 2000 in der Zeitung ‚Hürriyet’ zwangsgeoutet worden und hatte sich dann mit ca. 15 anderen für das Zeitschriftenprojekt engagiert.

Als erste offizielle universitäre LGBT-Gruppe hat sich im März 2008 der Bilgi Gökku?a?? LGBT Club konstituiert. Die Istanbuler Bilgi Universität hat dem Antrag statt gegeben. Anliegen ist die Bekämpfung von Homophobie und alle, die dafür Unterstützung suchen und geben wollen, sind willkommen. Der Club geht mit seinem Ziel ganz absichtlich offizielle universitäre Wege.Am 29. Mai 2008 wiederum ist gegen die türkische LGBT-Organisation ‚Lambda Istanbul’ ein Verbot ergangen durch ein Zivilgericht im Stadtteil Beyoglu (Istanbul). Die Anklage erging von der Stadt Istanbul mit der Begründung, die Gruppe verstoße gegen die öffentliche Moral. Das Gericht stimmte zu und befand, die Gruppe sei nicht verfassungskonform, denn die Verfassung gebiete den Schutz der Familie (da fragt sich: wessen Familie in wessen Sinne?), und sie trage einen nicht-türkischen Namen. ‚Lambda’ ist der Name eines griechischen Buchstabens, hierbei wirken offenbar alte kulturelle Feindschaften mit.

Am 7. April 2008 war das Büro von ‚Lambda Istanbul’ mit dem Vorwand der Prostitution Ziel einer polizeilichen Razzia gewesen. Die Gruppe wird gegen das Urteil in weiteren Instanzen vorgehen, wenn schon ohne Erfolg in der Türkei, dann eben vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg (die Türkei ist seit 1949 Mitglied des Europarates). Die Pressekonferenz von ‚Lambda Istanbul’ am 4. Juni 2008 hat breites Echo in der Landespresse hervorgerufen, inklusive dem Boulevardblatt ‚Milliyet’.

Die Hirschfeld-Eddy-Stiftung hat in dieser Sache einen Protest-Musterbrief an den Botschafter der Republik Türkei in Berlin ins Netz gestellt.

Gay Pride wie jedes Jahr – und einer mehr: in Ankara

Lambda Istanbul’ gibt es seit 1993 und hat seit 2003 in Istanbul CSDs organisiert, bei der Onur Haftas? 2007 waren es 1000 TeilnehmerInnen, die diesjährige Gay-Pride-Woche ist als Abschluss einer Festival-Woche geplant. Da Lesben kaum Halt in der türkischen Frauenbewegung kennen, definieren sie sich wohl meist über ihre Homosexualität.

In Ankara hat dieses Jahr erstmalig ein CSD statt gefunden, ca. 200 waren dabei, mit ausländischen Gäst*nnen wie Anja Meulenbelt. Alles verlief friedlich.

Internationale Zusammenhänge

Wie sind die Aussichten für die internationale LGBT-Bewegung, wenn es Berührungspunkte mit der Türkei gibt? Ein aktueller Fall: Zumindest gab die Türkei im NGO Committee der UNO am 7. Juni 2008 keine Gegenstimme, als über den Antrag der niederländischen LGBT-Organisation „COC“ auf beratenden Status als NGO bei der UN abgestimmt wurde.

Dieses Gremium setzt sich aus 19 UN-Ländern zusammen. Da grundsätzlich im Konsensverfahren gearbeitet wird, sind Abstimmungen an sich selten, aber manchmal notwendig. Dafür stimmten die Vertretungen aus den Ländern Kolumbien, der Dominikanischen Republik, Israel, Peru, Rumänien, Großbritannien und USA; dagegen stimmten die NGO-Vertretungen von China, Ägypten, Pakistan, Katar, der Russischen Föderation und Sudan; Kuba war bei dieser Sitzung nicht vertreten. Jüngst ist es also 7 : 6 für den Antrag ausgegangen.

Damit hat erstmals eine LGBT-Organisation auf Empfehlung des NGO Committee diesen wertvollen Status erhalten, der ihr Zugang zu UN-Sitzungen und Papieren ermöglicht. Unter den hier wesentlichen 5 Enthaltungen befand sich neben Angola, Burundi, Guinea und Indien eben auch die Nicht-Nein-Stimme der NGO-Vertretung der Türkei.

Hoffnung auch literarisch

Mich würde es nicht wundern, wenn es bei der kommenden Frankfurter Buchmesse (Gastland Türkei) lesbische Literatur zu entdecken gäbe.

3 Gedanken zu „Lesben in der Türkei“

  1. Zitat aus dem Posting: “Es ist ein politisches Gerangel im Gange, nicht zuletzt wegen des von der EU aufgebauten Drucks. Ob dieser von außen ins Land getragene Druck jedoch günstig ist?”
    Diese Frage ist nicht nur bei LGBT und nicht nur in der Türkei wichtig. Über Iran beispielsweise habe ich ähnliches von dort lebenden Feministinnen gelesen, die lieber ihren eigenen, iranisch-islamischen Weg zur Gleichstellung gehen wollen und die Anwürfe und die Emanzipationsvorstellungen des westlichen Feminismus imperialistisch finden.
    Nur: Wo ist die Grenze? Bei Menschenrechtsverletzungen? Und verstehen wir das gleiche darunter wie sie?

  2. Ich bin selber türkin und auch lesbisch und ich weiß wie es ist einen vater zu haben der mir sagt : Komm aus dem falschen weg heraus !
    und eine mutter zu haben die mich nicht unterstützt. eine schwester zu haben die : du bist nicht lesbisch , du hast nicht jungenliebe kennengelernt deshalb bildest du dir es nur ein ” sagt.
    es ist seht schwer dahinterzustehen . man ist in einem gefäß entweder ist man allein oder man wird immer von anderen menschen zum leben gezwungen, was sie für richtig halten .
    ich möchte meine rechte haben . ich möchte so sein und so sterben doch dann ist es auch immer der fall , was werden die anderen über uns denken , meinen meine eltern .
    ehre ist bei uns türken bis auf ich eine große sache die man nie im leben verletzen kann.
    doch ich bin in einer anderen meinung .

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