Die Verfassung im US-amerikanischen Kalifornien erlaubt nicht, dass die Ehe allein Mann und Frau vorbehalten ist. Eine bis 2008 verfolgte Praxis, nur Mann-Frau-Paaren die Eheschließung zu gestatten, war verfassungswidrig. Das hat das oberste kalifornische Gericht im Frühsommer 2008 festgestellt und in der Folge einen beispiellosen Ehe-Boom unter Lesben ebenso wie unter Schwulen ausgelöst.
Wenn unsere Verfassung die Homo-Ehe nicht verhindern kann, überlegten sich prompt einige rechtsreligiöse Fundis, müssen wir eben die Verfassung ändern. Und da diese Gruppen gewöhnlich nicht lange fackeln, war flux eine Volksinitiative organisiert. Sie erreichte die notwendige Anzahl von Eingaben und erzwang so eine Abstimmung, die, brav eingereiht in eine ganze Liste von Volksabstimmungen, den schönen Namen “Proposition 8″ führt.
Die Abstimmung wird zusammen mit der Präsidentschaftswahl am 4. November erfolgen. Wählerinnen und Wähler vieler US-Bundesstaaten
stimmen an diesem Tag nicht nur über die Wahlmänner und -frauen für die Präsidentschaftswahl ab, sondern auch über weitere Gesetzesinitiativen. Das ist also nichts Besonderes.
Besonders ist dagegen der Kontext.
Dafür und dagegen – schräge Fronten
Der republikanische kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger hat zwar öffentlich bekannt, dass er die Ehe für etwas hält, das Mann und Frau erfordert. Zweimal lehnte er ab, die Ehe für Lesben und Schwule zu öffnen - er hat aber auch deutlich gemacht, dass er gegen “Proposition 8″ ist. Begründung: Diese wichtige verfassungsrechtliche Frage solle vom obersten Gericht entschieden werden. (siehe L-talk, 15.4.2008)
Völlig offen ist der Ausgang der Abstimmung. Die Prognosen bewegen sich seit geraumer Zeit für beide Seiten auf etwa gleicher Höhe und die Anhängerinnen und Anhänger der jeweiligen Richtung sind zum großen Teil bereits entschieden. Keineswegs sprechen sich alle republikanisch orientierten Menschen in Kalifornien für die Verfassungsänderung aus. Ebensowenig gibt es einen Automatismus, der demokratisches Wahlverhalten mit Rechten für Lesben und Schwule gleichsetzt – im Gegenteil: Seit geraumer Zeit wird darüber spekuliert, ob der Erfolg des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama bei der schwarzen Bevölkerung Kaliforniens das Ende der Homo-Ehe bedeuten wird, weil Homophobie in diesen Bevölkerungssegmenten verbreitet sein soll und die Menschen, wenn sie ohnehin zur Wahl gehen, gleich mal für “Proposition 8″ stimmen. So könnten die spektakulären Erfolge bei der Aktivierung von Menschen zur Wahlbeteiligung einen Teil dazu beitragen, dass die Ehe Mann-Frau-Paaren vorbehalten bleibt. Der Kandidat selbst hat sich gegen “Proposition 8″ gewandt – unter anderem in einem Brief an den Alice B. Toklas LGBT Democratic Club vom 29.6.2008.
Für Verwirrung sorgte zu allem Überfluss, dass, wer FÜR lesbisch-schwule Ehen ist, GEGEN “Proposition 8″ stimmen muss – ein Umstand, dem sich Comedian Margaret Cho in einem Video-Spot annimmt, dessen Konsequenzen sich aber im Vorweg schlecht abschätzen lassen.
Eine Frage persönlicher Betroffenheit?
2007 überraschte der republikanische Bürgermeister von San Diego, Jerry Sanders, begleitet von seiner Ehefrau Rana, mit einem sehr emontionsgeladenen Bekenntnis zur vollwertigen Ehe für Lesben und Schwule. Von dem beeindruckenden Auftritt existiert ein Video. Das Lebenspartnerschaftsrecht reiche nicht aus, sagte Bürgermeister Sanders, ein Konzept “unterschiedlich, aber gleich” könne er nicht unterstützen. Sowohl seine Tochter Lisa als auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seines Büros gehörten zur lesbisch-schwulen Community:
“Letztlich kann ich niemandem von ihnen ins Gesicht sagen, dass ihre Beziehungen – der Kern ihres Lebens – weniger bedeutend sind als die Ehe, die ich mit meiner Ehefrau Rana teile.”
Praktisch alle Befürworterinnen und Befürworter von “Proposition 8″ berufen sich auf die Religion. Sie vertreten die Auffassung, dass bereits die Bibel Ehe für eine Angelegenheit zwischen Mann und Frau hält und verlangen, traditionelle Werte wie Ehe und Familie hochzuhalten. Gleichzeitig haben sich zahlreiche religiöse Leitungskräfte unterschiedlicher Religionen zur Öffnung der Ehe bekannt, einige von ihnen auch öffentlich in einem Video “To Have and to Hold: Faith Leaders for Marriage Equality”, das im Rahmen der Kampagne gegen “Proposition 8″ausgestrahlt wird.
Diesen Freitag werden über 250 jüdische Würdenträgerinnen und Würdenträger in den beiden führenden jüdischen Zeitungen Kaliforniens ganzseitige Anzeigen gegen “Proposition 8″ und für die Ehe schalten. (Quelle: California Majority Report, 20.10.2008)
Initiativen gegen gleiche Rechte in anderen US-Bundesstaaten
Kalifornien ist nicht der einzige Bundesstaat der USA, in dem am 4. November Verfassungsänderungen und Gesetzesinitiativen anstehen, die Eherechte für Mann-Frau-Paare zementieren wollen:
In Arkansas wird mit “Act 1″ entschieden, ob Unverheiratete, lesbisch, schwul, hetera oder sonstwie, das Recht haben sollen, Pflegekinder aufzunehmen und Kinder zu adoptieren. Ein wichtiger Aspekt in der öffentlichen Debatte behandelt die Frage, ob lesbische oder schwule Eltern in der Lage sind, Kinder aufzuziehen.
In Arizona stimmen Wählerinnen und Wählerinnen mit “Proposition 102″ über den Satz ab:
Nur eine Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau soll als Ehe in diesem Staat gültig sein oder anerkannt werden.
Die Wählerinnen und Wähler in Florida entscheiden über “Proposition 2″, mit der nur die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau in Florida legal sein würde. Weiterhin würde “Proposition 2″ sicherstellen, dass zahlreiche Rechte allein verheirateten Paaren vorbehalten bleiben – also unverheirateten Paaren, ob homosexuell oder heterosexuell, verwehrt werden.
Es wird am 4. November für viele Menschen um mehr gehen als um die Präsidentschaftswahl. Das föderale System der USA überlässt den Bundesstaaten zahlreiche Rechte, die sich weit stärker auf das tägliche Leben auswirken können als viele Bundesgesetze.
Für Lesben und Schwule steht einiges auf dem Spiel.
Föderales: Washingtons to-do Liste

"Don't Ask Don't Tell": Alice und Tasha in "The L-Word"
Gesamtstaatlich sind die Unterschiede zwischen demokratischem und republikanischem Programm deutlich. Es geht um Maßnahmen wie die Rücknahme der “Don’t Ask Don’t Tell“-Politik beim Militär: einer gut gemeinten aber grauenhaft schlecht gemachten Maßnahme der Clinton-Administration. Als unbeabsichtigte Folge führt sie unter Anderem zur Entlassung von Militärangehörigen , die als lesbisch oder schwul geoutet sind – übrigens sind davon weit überproportional Lesben betroffen.
Und der “Defense of Marriage Act” steht in Frage, ein föderales Gesetz von 1996, das im Wesentlichen zwei Auswirkungen hat:
- Kein US-Bundesstaat (und keine politische Gliederung innerhalb der USA) kann verpflichtet werden, eine Verbindung zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts als Ehe zu behandeln, selbst dann nicht, wenn eine legale Eheschließung in einem anderen Bundesstaat erfolgt ist.
- Die föderale Regierung darf gleichgeschlechtliche Verbindungen in keiner gesetzgeberischen Maßnahme als Ehen behandeln, selbst dann nicht, wenn eine Ehe in einem der US-Staaten geschlossen oder anerkannt wurde. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf zahlreiche Gesetze, unter anderem auf die Gesetzgebungsvorhaben in der Gesundheitspolitik, ebenso beispielsweise auf die Versorgung von Hinterbliebenen der Soldatinnen und Soldaten.
Das letzte Wort hat — Ellen DeGeneres. Wer sonst.
Links, Quellen und Verweise:
Kathy Belge: Frequently Asked Questions About Gay Marriage in California, lesbianlife.about.com
Debra Bowen ist als “Secretary of State” auch oberste Wahlleiterin Kaliforniens.
James Hipps: Proposition 8 Supporters Thank Barack Obama, gayagenda.com, 6.10.2008
Donald Lathbury: Rabbis Rally in Opposition to Prop 8 While a Mormon Lawyer Thoroughly Debunks Another Mormon Lawyer, The California Majority Report, 20.10.2008
Thom Shanker: Don’t Ask Don’t Tell Hits Women Much More, New York Times, 23. Juni 2008
John Wildermuth: Same-sex marriage may be key issue in November, San Francisco Chronicle, 9. September 2008
“Defense of Marriage Act” bei Wikipedia
Arkansas: Kampagne “Families first”
Arizona: Kampagne “Vote No on Proposition 102”
Florida: Kampagne “Say No 2”
Kalifornien: “No on Prop 8” – Kampagne gegen “Proposition 8″, alle Videos zur Kampagne bei YouTube und “Protect Marriage“, die Kampagnenseite der “Proposition 8″-Fundis
Die kalifornischen Gesetzesinitiativen zum 4. November im Überblick: http://www.sos.ca.gov/elections/elections_j.htm#2008General
“Text of Proposed Laws” – Die vollständigen Gesetzestexte, die am 4. November 2008 in Kalifornien zur Wahl stehen: http://www.voterguide.sos.ca.gov/text-proposed-laws/text-of-proposed-laws.pdf

6 Antworten bis jetzt ↓
1 Culatra // Okt 21, 2008 at 08:34
Wow! Ich habe noch nie so eine gute Zusammenfassung über die vielen Propositions gelesen, die derzeit die amerikanische Lesben- und Schwulenwelt bewegen wie diese! Danke!
2 Sissa // Okt 22, 2008 at 11:13
Ich auch nicht! Ist besonders interessant, da unser Sohn (hetero, aber in unserer Regenbogenfamilie aufgewachsen…)seit Anfang Oktober in San Francisco lebt&arbeitet …
3 irgendeine Userin // Nov 5, 2008 at 09:58
Der Fortschritt reicht nicht weit in Amerika:
In Florida und Arizona haben “sie” schon entschieden, dass die Ehe nur einem Mann und einer Frau vorbehalten bleibt.
:(
4 Sissa // Nov 6, 2008 at 12:51
Auch wenn ich mich über seinen Sieg freue: Obama hat sich noch nie für die Rechte der Homosexuellen stark gemacht – ebensowenig wie die meisten seiner (schwarzen) Wählerinnen und Wähler, die auch in anderer Hinsicht “tiefschwarz” (will sagen: evangelikal) sind. Nachstehend ein Leserbrief aus der NY Times:
Del Martin and Phyllis Lyon, 87 and 83, who have / had been through Civil Right Movements, together with each other for more than 50 years, finally were granted the privilege of marriage in 2007 and married on June 16, 2008 in San Francisco.
Ms. Martin died later on August 27. Here is the direct quote from her surviving spouse.
“Ever since I met Del 55 years ago, I could never imagine a day would come when she wouldn’t be by my side,” Lyon, 83, said in a statement Wednesday.
“I also never imagined there would be a day that we would actually be able to get married,” she added. “I am devastated, but I take some solace in knowing we were able to enjoy the ultimate rite of love and commitment before she passed.”
For me, personally, it’s so heart-breaking just to think of it. Their marriage license is
stripped away only after a few months. At least, Ms. Martin died with happiness and dignity. She would never know that one of her most precious memory is dashed relentlessly by her fellow Californians.
If a “change” has already happened, but people choose to turn their head and revoke it, nothing wonderful will ever take place unless they brace themselves and choose to see with their soul open.
5 Sissa // Nov 6, 2008 at 13:03
P.S. Vergaß zu erwähnen, dass Kalifornien mit großer Mehrheit für die Proposition 8 (und damit gegen die gleichgeschlechtliche Ehe) gestimmt hat. Aber das wisst ihr ja wohl schon, oder?
6 Joni.T // Nov 6, 2008 at 22:33
Ich hatte nicht den Eindruck, dass Barack Obama Lesben und Schwule links liegen lässt – aber ich teile die Meinung, dass es weit verbreitete heterosexuelle Leitwerte in den USA gibt.
Der San Francisco Chronicle schreibt heute, dass, ungeachtet der Unterstützung von Barack Obama gegen Proposition 8, die afroamerikanischen Wählerinnen und Wähler kein Problem darin sahen, “ihren” Kandidaten über überwältigender Mehrheit (96%) zu unterstützen und gleichzeitig, entgegen seiner Auffassung, zu 70% für Proposition 8, also gegen die Ehe für Lesben und Schwule, zu stimmen.
PS. Danke, Sissa, für den Beitrag zu Del Martin und Phyllis Lyon. Wenn du weiterlesen willst – L-talk hat auch schon über die beiden geschrieben :-)
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