Magerlesben und weitere Identitätsfragen

Der Kollege Markus Leitzbach von Pride1 hat’s ausgraben (danke!) und andere haben sich zu Recht daran erfreut:

Anja Gockel, laut Osnabrücker Zeitung eine “Ausnahmeerscheinung unter Deutschlands Modeschöpferinnen” hat eben jenem Weltblatt anvertraut, warum mager ist wer Model wird.

Die Schwulen sind Schuld. Und die Lesben.

L-talk gönnt sich das Zitat im Zusammenhang:

“Ich sehe drei Gründe für das Problem: Der wichtigste ist, dass die meisten und wichtigsten Modedesigner homosexuell sind. Ein Modedesigner kann wie jeder andere Mensch auch nur von sich selbst ausgehen. Das mache ich auch so. Und das Idealbild eines homosexuellen Mannes ist eine knabenhafte Figur. Das Idealbild einer lesbischen Frau ist meistens eine androgyne Figur. Diese Figur projizieren sie auf die Frauen, die ihre Models sind. Deshalb dürfen die Models nicht zu viel Busen und nur wenig Hüfte haben. Alles Volumige ist für sie unerotisch, nicht akzeptabel.”

Das ist spannend. Meine volumige Liebste wird mich, so viel ist sicher, der heiligen lesbischen Inquisition unterziehen, wenn sie das liest.                      

wegen Lesben: Model isst WattebauschWirkte es doch auch rückwärts, so dass die coolen Laufstegklamotten endlich das beliebte oben ein Sack, unten ein Sack und dazu ein paar vernünftige Schuhe Outfit aufpeppen würden … ja, dann hätte es auch sein Gutes. Wenn wir in Größe 34 passten, heißt das. So aber müssen die armen Frauen (berichtet Anja Gockel) Wattebäuschchen (Bild rechts) gegen den Hunger in sich hineinstopfen. Und das nur, damit Lesben mit der geballten Kraft ihrer Überpfunde Magerphantasien auf karrierefreudige junge Frauen mit unzumutbaren Berufen projizieren können. Und das, wo die Lesbe an sich ohnehin dazu neigt, anderen – am liebsten Fremden - vorzuschreiben, was sie tun sollen. Schande!

Die Frau Gockel weiß ziemlich gut Bescheid über Lesben und über unsere offenen und geheimen Ideale.

Sie ist nicht die Einzige.

Andere tun das in letzter Zeit auch, und so etwas kann schon mal Anlass zur Sorge sein, wenn es zu intim wird. Bei einem bekannten deutschen Provider, beispielsweise.

“Mein T.Home” bot mir vor wenigen Tagen, als hätten sie’s geahnt, Schutz an, als ich gerade, Mittwochs meistens, die Frage im Kopf bewegte, was genau eine Lesbe ist und ob ich wirklich eine bin oder es sich nur so anfühlt und was meine Freundinnen dazu sagen würden, und ob sie auch sowas haben. T.Home schrieb:

Diese Software schützt Ihren Computer, Ihre Identität und Ihr Heimnetzwerk.

Schockierend. Nicht nur, dass ein Computer, eine zweifel-lose lesbische Identität und ein kleines heimisches Freundinnennetzwerk fast alles ausmachen, dessen es bedarf, um eine Lesbe glücklich zu machen (fehlte noch und Ihre Katze) … schlimm ist, dass die Telekom, ebenso wie Frau Anja Gockel, ohne jede Scham darüber spricht was ich brauche.

Madame erwischte es noch schlimmer, und zwar von bislang unverdächtigen Lesbenverstehern aus der Linux-Szene:

Beim Ausführen eines Testprogramms unter Kubuntu 10.4., von dem sie dachte, es würde etwas Grund in ihre Hardware bringen statt unerwünschter Selbsterkenntnis über ihre Identität, wurde ihr beschieden:

“unknown role type”

Das war’s dann; der Tag war gelaufen. Frau Gockel, Herr Kubuntu und das T-com haben die Deutungshoheit über unsere lesbischen Identitäten an sich gerissen.

Links und Quellen:

  • Modedesignerin sieht Homosexualität als Hauptgrund für Magersucht, pride1.de, 7.11.2009
  • Joachim Schmitz: Deshalb gibt es die Magermodels, Neue Osnabrücker Zeitung, 7.11.2009, neue-oz.de
  • ein lesbisches Supermodel zum Aufmuntern: Jessica Clark, die zusammen mit ihrer Partnerin, Fitnesstrainerin Lacey Stone ein Ratgeberinnen-Blog für Lesben betreibt, sweatcity.wordpress.com
  • coole lesbische und queere Outfits mit garantiert eigener Deutungshoheit und nicht allzu mageren Models gibt’s zum Beispiel bei RIGGED OUT/FITTERS, riggedoutfit.com;
    funktionierende Telekommunikation mit lesbischem Hintergrund macht sich leider rar.

2 Gedanken zu „Magerlesben und weitere Identitätsfragen“

  1. Mein Tag ist gerettet: Ich habe jetzt statt Kubuntu (s.o) Ubuntu 8.04 LTS installiert. Und bin viel zufriedener! Denn da gibt es ein Programm, das heißt “Tomboy”. Wie wunderbar!!! Warum? Steht hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Tomboy)

    Das Programm ist dafür da, Notizzettel anzulegen, um Ideen und Gedanken zu ordnen.

    Das mache ich doch ab sofort nur noch mit Tomboy :-)

  2. Ah, wunderbarer Artikel, Joni!
    Selten so gelacht!
    Frau Gockel (!) hat wahrscheinlich das letzte Mal in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts einen Kessen Vater gesehen.
    @Konny: was willst DU denn mit einem Programm namens Tomboy??? Behauptest Du nicht immer, Du wärst Femme? Oder willst Du nur mal wieder eine Butch für Dich arbeiten lassen??!? ;-)

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