Heute Abend haben wir in Frankfurt bei der Veranstaltungsreihe DenkRäume einem Vortrag von Dr. Antje Schrupp gelauscht: Affidamento – wie weibliche Freiheit entsteht. Die Vortragsreihe im EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum ist eine lesbische, die sich an alle Frauen wendet. Dennoch liegt der Schwerpunkt beim Lesbischsein. Diesmal hatten wir eine Referentin zu Gast, die, wie sie sagte “zur Zeit heterosexuell lebt”. Das brachte interessante Aspekte in ihren Vortrag :-)
Unter Affidamento versteht man eine Bewegung, die 1988 von den Frauen des Mailänder Frauenbuchladens ausging. Die Grundthese ist die, dass wenn Frauen sich in Abgrenzung an ihre Unterdrückung durch den Mann definieren, sie immer noch durch den Mann definiert werden. Nur wenn Frauen sich selbst über sich definieren, kann weibliche Freiheit entstehen. Ins lesbische übersetzt: Wenn Lesben sich von Männern definieren lassen, z.B. als “Männerhasserinnen” hat das nichts mit Lesbischsein zu tun. Wenn Lesben sich selbst definieren, nämlich als Frauenliebende, kann lesbische Freiheit entstehen. Frei von der Definitionsmacht der Männer, aus sich heraus und neu.
Losgelöst von der patriarchalen Herrschaft sind Frauen in dem Moment Feministinnen, in dem sie in Beziehung zueinander treten. Eine Frau möchte von einer anderen wissen, was diese *denkt*, sie interessiert sich wirklich für die andere. Nicht indem eine Frau männliche Verhaltensweisen kopiert wie Networking, Machtstreben oder Geld haben wollen, wird sie feministisch, sondern indem sie sich ihr gegenüber vertrauensvoll äußert, mit ihr um ihre politischen Positionen streitet, ihr Begehren kundtut, z.B. hre Autorität zu nutzen, um sich vernünftiges Feedback zu einem gerade geschriebenen Artikel zu holen.
Dieses sich unter Frauen aufeinander beziehen ist ja in Lesbenkreisen schon lange bekannt. Es existieren Enklaven lesbischen Feminismus’ in Frauenbildungs- und ferienhäusern, in Lesben- und Frauenzentren und z.B. auf dem LFT oder dem Frauenmusikfestival im Hunsrück. Insofern wird Affidamento in Lesbenkreisen eher gelebt als in Heterakreisen.
Dr. Antje Schrupp plädierte dafür, dass sich die politische Praxis des Affidamento weiterverbreiten solle, damit eine bessere Welt entstünde. Sie warnte vor Gleichstellung und gender mainstreaming, weil sie meinte, heutzutage seien die Männer so modern, dass auch ein Mann frauenpolitische Forderungen stellen dürfe. Das würde aber dazu führen, dass die Männer auch in diesen Kreisen die Macht bekämen und die Frauen – wie sonst auch – nicht gehört würden. Und das sei schlecht.
Es ist so wie mit der Homo-Ehe. Wir haben uns mit ein bisschen Gleichstellung abgefunden und schon setzt niemand mehr “Gleiche Rechte für Lesben und Schwule” um. Oder hat sich in den vergangenen 4 Jahren in Zeiten der großen Koalition auch nur irgendetwas in dieser Richtung getan? Nö, hat sich nicht.
Also sollten wir bescheiden anfangen: Einfach ALLES für Frauen/Lesben und zwar sofort!

5 Antworten bis jetzt ↓
1 Joni.T // Sep 19, 2009 at 21:58
Antje Schrupp hat ihren Vortrag heute ins Netz gestellt:
Mich hat Konnys Bericht und Antjes Vortrag zu einem neuen Versuch mit dem Differenzfeminismus inspiriert; vielen Dank dafür!
2 Yvonne // Sep 20, 2009 at 10:32
“Eine Frau möchte von einer anderen wissen, was diese *denkt*, sie interessiert sich wirklich für die andere.” (Schrupp/Konny)
Genau dies fehlt mir oft unter Lesben! So lange die Lesbe *passt* – wird sie evtl. gehört. Ich beobachte, dass Lesben die nicht ins Bild passen oft diskriminierend behandelt werden. Eine Kultur der “Fragen stellen” (wie siehst Du das, wie kommst Du zu dieser Ansicht, was bedeutet dies für Dich usw.) ist in vielen Lesbenkreisen sehr schwach entwickelt .
3 "Nur ein Blog!" // Sep 20, 2009 at 13:42
Affidamento – eine politische Praxis, die sich in konkreten Beziehungen zeigt…
So. ;D
Ich war recht eisern und habe alle Beiträge, die es zum Ereignis gab, erstmal nicht gelesen. Von daher sind dies nun meine Eindrücke, meine Darstellung zum Freitagabend dieser Woche:
Eli Wolf und Dr. Antje Schrupp Es war diesmal eine kleine…
4 irgendeine Userin // Sep 20, 2009 at 13:58
Ich habe mich in folgenden Abschnitt deines Artikels verliebt – denn ich rang um die Beschreibung des Geschehens – und hier steht es schön und klar:
Danke. :)
5 Marion // Sep 23, 2009 at 10:51
..ja genau, und bei der Gelegenheit sollten wir dringend darüber nachdenken ob die als männlich geltenden Verhaltensweisen (Wie Karrierestreben, Fortschritt mit allem Mitteln, Geradlinigkeit,Zielstrebigkeit etc) nun unbedingt, nur weil sie uns ja längere Zeit verwehrt waren, auch gut und zukunftsfähig (fürt uns) sind. Oder ob als “weiblich” geltende Verhaltensweisen (wie vorrausschauend,zyklisch, gemeinschaftlich, mütterlich-mächtig) nicht vllt genau das sind was die Welt heute braucht(diese Eigenschaften sind keineswegs dazu da, Männer zu bedienen)…
Nur wenn wir uns auch davon emanzipieren, die “männlichen” Muster für besser und erstrebenswerter zu halten, können wir echte Freiheit erlangen.
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