Zwischen schwarz und weiß: Lesben nach der Wahl (USA)

Mit Barack Obama den Wunsch-Präsidenten bekommen, aber alle Abstimmungen zur Ehe für Lesben und für Schwule verloren – das könnte eine von vielen Bilanzen des aufregenden 4. November sein. Die Wählerinnen und Wähler wollten gleich in drei Bundesstaaten ein für allemal verhindern, dass zwei Frauen sich das Jawort geben dürfen, das ist schauderhaft. (Hintergrund-Berichte bei L-talk)

Auch schauderhaft ist die Vorstellung, dass – ungeachtet des Siegs, den Barack Obama bravourös geholt hat – fast die Hälfte der Wählenden dem republikanischen Kandidaten John McCain ihre Stimmen gegeben haben.

Kaum weniger erschreckend ist, dass im sonnigen Kalifornien mit der afro-amerikanischen gerade diejenige Bevölkerungsgruppe, die mit einer überwältigenden Mehrheit von 95 Prozent einen smarten, weltoffenen Intellektuellen zum Präsidenten gewählt hat, eine Mehrheit von 70 Prozent Lesben und Schwulen das Recht auf Ehe nicht gönnen wollte. Bei den schwarzen Frauen stimmten sogar drei Viertel für Proposition 8, also gegen das Recht auf Heirat.

Dabei ging es gar nicht um materielle Rechte: Die kalifornische Lebenspartnerschaft (“Domestic Partnership“) beinhaltet bereits die gleichen Rechte und Pflichten wie eine Ehe, dadurch unterscheidet sie sich von den “Civil Unions” in vielen anderen US-Staaten. Nein, es ging nur um eines: Um das Recht, eine Ehe zu schließen. Oder, wenn eine es skeptischer mag: Um das, was sie jetzt haben, als Ehe zu bezeichnen.

"Melissa Etheridge zum Scheitern von Proposition 8 in Kalifornien"

Melissa Etheridge zum Scheitern von Proposition 8 in Kalifornien

Schlug Steuerboykott vor: Sängerin Melissa Etheridge

“Ok, ich habe verstanden. 51% finden, dass ich Bürgerin zweiter Klasse bin. In Ordnung. Und meine Frau, äh, ich meine, Mitbewohnerin? Freundin? Spezielle Frauenbekanntschaft?
Ihr müsst mir hier helfen, denn ich habe keine Ahnung wie ich sie jetzt nennen soll.

Wie auch immer, sie und ich haben nach der Verfassung des Staates nicht das gleiche Recht wie alle anderen Bürgerinnen und Bürger. Nun gut, dann nehme ich das als Grund zu der Annahme, dass ich auch keine Steuern bezahlen muss, weil ich keine vollwertige Bürgerin bin. Ich finde, das wäre einfach falsch, es hört sich an, wie Besteuerung ohne parlamentarische Vertretung (“taxation without representation“), diese Sache aus den Geschichtsbüchern.”

Quelle: Melissa Etheridge im Blog “The Daily Beast”, 6. November 2008

Es ist nicht besonders wahrscheinlich, dass irgendwer missverstanden hat, worum es geht: Mit gut 73 Mio. Dollar war die Abstimmung über Proposition 8 die teuerste, die es je zu einem sozialen Thema gegeben hat. Beide Seiten haben ihre Positionen in zahlreichen Fernsehspots, in Telefonaktionen, live auf der Straße und immer wieder persönlich von Tür zu Tür deutlich gemacht.

Die Menschen in Kalifornien wussten, davon kann man ausgehen, durchaus, worüber sie abstimmen und sie wussten auch, davon kann man ebenfalls ausgehen, was sie bei den Betroffenen mit ihrer Entscheidung anrichten.

San Franciscos Bürgermeister Gavin Newsom: Nichts, worauf man stolz sein kann

“An diejenigen, die gerade ihren Erfolg feiern … seien Sie nicht schadenfroh auf Kosten derjenigen Menschen, deren Leben durch Ihre Sichtweise zerstört wurde.”

Quelle: John Wildermuth, Many Obama Supporters also backed Prop 8, San Francisco Chronicle, 6. November 2008

Religion und ethnische Zugehörigkeit hatten bei der Abstimmung einen weit höheren Stellenwert als die Politik, schreibt der San Francisco Chronicle in seiner ersten Analyse. Tatsächlich dürfte der Schock bei den schwarzen lesbischen Aktivistinnen besonders tief sitzen.

Pam Spaulding, Star-Bloggerin (Pam’s House Blend)

“Für diejenigen von uns, die schwarz und lesbisch oder schwul sind, die einer marginalisierten Gruppe innerhalb einer marginalisierten Gruppe angehören, begreife ich dies (Abstimmungsergebnis) als deutliches Signal an die LGBT-Aktivistinnen und Aktivisten. Wir sind nicht genug an die Gruppen herangekommen, die gegen uns gestimmt haben. Wir haben sie nicht erreicht, der Kraftaufwand war nicht groß genug. ”

Bloggerin Pam Spaulding

Bloggerin Pam Spaulding

“Ich blogge seit Jahren über die Notwendigkeit, ethnische Zugehörigkeit (orig. “race”) in LGBT-Zusammenhängen zu diskutieren. Ich hoffe, das ist nun ein Alarmruf an unsere “Hauptberuflichen”, die uns repräsentieren, ihren Wohlfühlbereich zu verlassen und diese ganz konkrete Informationslücke mit zu schließen. Die Auffassung, dass weiß mit lesbisch-schwul gleichzusetzen ist, macht einen großen Teil des Problems aus, und so lange, wie schwarze Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender in ihren eigenen Communities nicht sichtbar sind und so lange, wie es einen Mangel an Farbe in den öffentlich wahrgenommen LGBT-Interessenvertretungen gibt, so lange kann die gesellschaftlich konservative schwarze Community verleugnen, dass ich als schwarze Lesbe existiere.”

Quelle: Pam Spaulding, Ballot initiatives provide a wake up call to the LGBT community about race, Pam’s House Blend, 5. November 2008

Leicht wird das nicht – wenn Pam Spaulding Recht hat, geht es um ein kompliziertes Konglomerat von Vorurteilen, Misstrauen und Traditionen, auf allen beteiligten Seiten. Wer lesbisch-schwule Zusammenhänge in der schwarzen Community verankern will und wer schwarze Repräsentanz in die etablierten landesweiten Interessenvertretungen für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender integrieren will, sollte sich auf einige Erschütterungen gefasst machen.

Eine andere berühmte Frau, nach ihrer Selbstdarstellung schwarz, lesbisch, Feministin, Kriegerin, Dichterin, Mutter, Audre Lorde (1934 – 1992) hat einmal gesagt:

“Ich bin zu der Überzeugung gekommen, wieder und wieder, dass das, was mir am wichtigsten ist, ausgesprochen, in Worte gefasst und mit anderen geteilt werden muß, auch auf die Gefahr hin, dass es dabei entstellt oder missverstanden wird.”

(zitiert nach Joey Horsley, fembio.org – danke, Joey!)

Gemeint war: Kampflos wird das nicht gehen – und von heute auf morgen auch nicht. Es wird in diesem Konflikt, den Pam Spaulding mutig angehen will, nochmal um eine weiß-schwarze Konstruktion von Unterschieden gehen, um das Stereotyp der privilegierten weißen Aktivistin Melissa Etheridge (oder Ellen de Generes) auf der einen Seite und den Archetyp der tiefreligiösen schwarzen Arbeiterin andererseits. Wenn es um Lesben (und Schwule) geht, sind Menschen bereit, viel dafür zu tun, um vorgeben zu können, das Problem sei in Wirklichkeit ein ganz anderes.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>