Film “Born again” in der Filmreihe „Du sollst nicht lieben.“ Queer – Cinema und Religion(en)

Born Again Dokumentarfilm Regie Markie Hancock, USA 2007, Farbe, 70 Min., DVD, amerik. OF mit dt. UTAm Donnerstag, 19. Januar, um 19.30 Uhr fand im Rahmen der Filmreihe „Du sollst nicht lieben.“ Queer – Cinema und Religion(en) – Lesben und Schwule im Islam, Judentum und Christentum – ein Filmabend statt. In der Evangelischen Stadtakademie Römer9, Römerberg 9, Frankfurt wurde der Film “Born again” gezeigt: Er beschäftigt sich mit den Erinnerungen einer US-Amerikanerin an ihre Kindheit im christlich evangelikalen Milieu. Die Frage, wie sich christlicher Glaube und lesbische Liebe verbinden lassen, wurde auch beim anschließenden Filmgespräch aufgegriffen.

Nach einer kurzen Einführung zur Filmreihe durch Christian Kaufmann von der Evangelischen Stadtakademie Römer9 vor einem gut gefüllten Saal mit nahezu 100 Zuschauerinnen und Zuschauern erläuterte die Kuratorin der Filmreihe, Karola Gramann, dass der Film 2007 entstanden ist, 2008 bei den Lesbisch-schwulen Filmtagen in Hamburg zum ersten Mal in Deutschland gezeigt wurde und ihr besonderer Dank an das Schweizer Pinkapple-Filmfestival-Team geht, das für die Bereitstellung der deutschen Untertitel gesorgt hat.

Der Dokumentarfilm selbst setzt sich aus Bildern aus der Kindheit der 5-köpfigen Familie (Mutter, Vater, zwei Söhne, eine Tochter (=die Filmemacherin) und Bildern aus der frühen Erwachsenenzeit zusammen. Markie Hancock wurde 1957 in einer Kleinstadt in Pennsylvania (USA) geboren und ihre Eltern waren strenge Christen, sog. Evangelikale. Sonntagsschule, Bibel lesen, mehrmals täglich Gebete und die Hoffnung, Jesus in das Herz zu lassen, bestimmten Kindheit und Jugend. Nach der Schule ging Markie auf ein christliches College. Bereits dort fühle sie sich von einer Mit-Schülerin angezogen, aber erst nach der Uni wagte sie sich nach Berlin, in die geteilte Stadt, um ihre geteilte Persönlichkeit zu leben. Klar war ihr, dass sie nicht evangelikal leben wollte, dass sie lesbisch war, wurde ihr klar als sie sich in Berlin in Claudia verliebte – große Liebe – Ihr wisst schon!

Das war 1984 und Markie blieb ein paar Jahre in Berlin, arbeitete in einer Frauenfabrik, die Futons herstellte und lernte andere Lesben und deren Leben kennen. Nach der Trennung von Claudia ging sie zurück in die Staaten, jedoch nicht nach Pennsylvania, sondern nach New York, wo sie bald ihre Partnerin Catherine kennenlernte. Sie besuchte aber ihre Eltern in Pennsylvania, hatte dort ihr Coming Out und besuchte auch ihre beiden Brüder. Die Familie hatte immer Kontakt zueinander, man traf sich an Weihnachten und zu Thanksgiving.

Das Coming Out hat innerhalb der Familie zu Ablehnung geführt, die Eltern und der eine Bruder beten für Markie um ihre Heilung. Der andere Bruder, nach 21 Ehejahren mittlerweile geschieden, sieht Markies Lesbischsein etwas entspannter. Trotzdem haben sich alle Familienmitglieder bei voller Namensnennng und allen Ortsangaben für diesen Film filmen lassen, und da sie von ihrer eigenen Haltung überzegt sind, und diese auch für die Wahrheit halten, freimütig darüber erzählt.

v.l.n.r.: Werner Schneider-Quindeau, Evangelische Filmjury; Eli Wolf, Ev. Frauenpfarramt; Moderatorin Karola Gramann, Kinothek Asta Nielsen; Judith Eisert, Religionspädagogin, Netzwerk katholischer LesbenDas ist keine leichte Kost und zeigt deutlich die Kluft in der Familie und in der amerikanischen Gesellschaft. Das wollte die Filmemacherin auch. Im anschließenden Filmgespräch mit Eli Wolf, Pfarrerin und Leiterin des Evangelischen Frauenbegegnungszentrums machte Eli Wolf deutlich, dass nicht alle Kirchen eine gesellschaftliche Kluft verursachen. Sie könne in ihrer Kirche, der EKHN, offen als lesbische Pfarrerin leben und auch Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare durchführen. Judith Eisert, Religionspädagogin und im Netzwerk katholischer Lesben, konnte das von ihrer Kirche, der katholischen, nicht sagen. Immer wieder drehte sich auch die Frage um sektenähnliche Indoktrination, seelischen Missbrauch an Kindern und wie schwierig es ist, unter diesen Bedingungen ein Coming out und glückliches Leben zu haben. Moderatorin Karola Gramann von der Kinothek Asta Nielsen, die die Veranstaltungsreihe kuratiert, berichtete von den Schwierigkeiten, einen Film zum Thema “lesbisches Coming Out und Kirche” zu finden. Sie meinte, dies sei der einzige zu diesem Thema.

Einige TeilnehmerInnen aus dem Publikum machten wiederholt auf die politische Situation in den Vereinigten Staaten aufmerksam. Zu recht, darüber waren sich alle einig. Dieser Punkt konnte leider nicht weiter vertieft werden, war es doch schon recht spät am Abend.

Es gibt noch zwei weitere Abende in dieser Reihe, siehe unten.

Links und Quellen:

„Du sollst nicht lieben.“ Queer – Cinema und Religion(en)

Eine Veranstaltungsreihe des Frauenreferats der Stadt Frankfurt und der Evangelischen Stadtakademie Römer9 in Kooperation mit der Kinothek Asta Nielsen und dem Evangelischen Frauenbegegnungszentrum

Ort: Ev. Stadtakademie Römer9, Römerberg 9
Eintritt je Filmabend: 5 Euro

Donnerstag, 26. Januar 2012, 19:30 Uhr
A Jihad for Love
Dokumentarfilm
Regie Pharvez Sharma, USA / Großbritannien / Australien / Deutschland 2007, Farbe, 81 Min., Vorführformat DigiBeta, OF mit dt. voice over und dt. UT
A Jihad for Love beschreibt den persönlichen Kampf homosexueller Muslime in aller Welt um die Anerkennung ihrer im Islam streng verbotenen Sexualität.
Während der Begriff „Jihad“ im Westen inzwischen zum Synonym des „Heiligen Krieges“ und des internationalen islamistischen Terrorismus geworden ist, lenkt A Jihad for Love den Blick auf den ursprünglichen arabischen Sinn des Begriffs: „Jihad“ heißt so viel wie „innere Anstrengung“ bzw. „ein Streben auf dem Pfade Gottes“. Dieser Kampf bedeutet hier: Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität, der Versuch, den oft starken eigenen Glauben mit dem Anspruch auf das persönliche Glück zu verbinden. Die meisten Muslime glauben bis heute, dass der Koran die Homosexualität verbietet und unter strenge Strafe stellt. Die Tatsache, homosexuell und ein gläubiger Moslem zu sein, rührt bis heute an ein Tabu, über das kaum etwas bekannt ist.

So kommt das mutige Bekenntnis streng gläubiger wie säkular lebender Muslime in diesem Film einer Revolution gleich, nicht nur wegen seines Themas, sondern auch wegen der darin ausgesprochenen Provokation, den Gotteskriegern die Hoheit über einen Schlüsselbegriff zur Rechtfertigung ihres gewaltsamen Kampfes streitig zu machen.
(Martin Rosefeldt, homepage ARTE)

Anschließendes Filmgespräch
mit
Katharina Brinckmann, Redakteurin ARTE,
n.n.
Moderation: Abdul – Ahmad Rashid, Redakteur ZDF, Islamwissenschaftler

Donnerstag, 2. Februar 2012, 19.30 Uhr
Du sollst nicht lieben.
Spielfilm
Regie Haim Tabakman, Israel/Frankreich/Deutschland 2009, Farbe, 90 Min., Vorführformat BluRay, OF mit dt. UT
Haim Tabakmans erster Spielfilm berührt ein Tabu – Homosexualität im ultraorthodoxen Judentum.
Aaron ist ein angesehener Fleischer in der ultra – orthodoxen jüdischen Gemeinde in Jerusalem. Der Ehemann und Vater von vier Kindern gerät in eine tiefe Krise, als er sich in Ezri verliebt – einen 22jährigen Studenten, der ihm in seinem Geschäft aushilft. Zunächst begreift er seine Gefühle als religiöse Herausforderung, doch als beide Männer schließlich ihrer Leidenschaft nachgeben, wächst der Druck der Gemeinde auf Aaron. Da er keinen Weg sieht, seine Gefühle mit den religiösen Regeln in Einklang zu bringen, fasst er einen radikalen Entschluss.

Haim Tabakmans erster Spielfilm berührt ein Tabu – Homosexualität im ultraorthodoxen Judentum. Nach der Uraufführung von Du sollst nicht lieben in der Reihe Un Certain Regard beim Festival de Cannes reagierte die internationale Presse begeistert, stellte die Zurückhaltung und inszenatorische Strenge des Films heraus und verglich die emotionale Kraft einer Liebesgeschichte in einer feindlichen Umwelt mit Ang Lees Brokeback Mountain.
(Verleihtext Salzgeber Medien)

Anschließendes Filmgespräch

Donnerstag, 19. Januar 2012, 19:30 Uhr
Born Again
Dokumentarfilm
Regie Markie Hancock, USA 2007, Farbe, 70 Min., Vorführformat DVD, amerik. OF mit dt. UT
Durch Interviews mit den Eltern und Geschwistern sowie eindrucksvollen Bildern schafft diese Dokumentation ein atmosphärisch dichtes und berührendes Portrait einer lesbischen Lebensgeschichte. Spätestens seit dem öffentlichen Bekenntnis George Bushs, ein Wiedergeborener Christ zusein, ist klar, dass die religiöse Rechte in den USA auf dem Vormarsch ist. Filmemacherin Markie Hancock widmet sich dieser Spaltung der amerikanischen Gesellschaft: Selbst alsWiedergeborene Christin in Pennsylvania aufgewachsen, erzählt sie ihr Leben und betrachtet dabei die Spaltung ihrer Familie parallel zur Spaltung der Gesellschaft. Dabei wird deutlich,welche tiefgreifenden Auswirkungen die enge Verknüpfung von Religion, Gemeinschaft und Familie haben kann.

“Meine größte Angst war es, wenn ich die Religion verlasse, meine Familie zu verlieren. Meine zweitgrößte Angst war es, wenn ich die Religion nicht verlasse, mich selbst zu verlieren”, sagt Markie Hancock zu Beginn ihres Films. Mit Interviews der Eltern und Geschwister sowie eindrucksvollen Bildern – auch aus dem geteilten Berlin, wo Hancock in den 1980er Jahren eine Weile lebte – schafft diese Dokumentation ein berührendes Portrait einer lesbischen Lebensgeschichte.
(Katalog lesbisch schwule Filmtage Hamburg)

Anschließendes Filmgespräch mit

  • Eli Wolf, Ev. Frauenpfarramt
  • Werner Schneider-Quindeau, Evangelische Filmjury
  • Judith Eisert, Religionspädagogin, Netzwerk katholischer Lesben

Moderation: Karola Gramann, Kinothek Asta Nielsen

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3 Antworten auf Film “Born again” in der Filmreihe „Du sollst nicht lieben.“ Queer – Cinema und Religion(en)

  1. Petra Otte sagt:

    Danke für diesen Hinweis und Kommentar. Mir hat der Film sehr gut gefallen, er gibt Stoff für viele lange und sehr persönliche Diskussionen, dafür hätte der eine Abend eh nicht gereicht. Die überaus große Gewichtung der familiären Beziehungen innerhalb der Glaubensgemeinschaft und auch bei den einzelnen Personen. Selbst die Filmemacherin spricht von ihrer Zweierbeziehung als Familie, sie meint damit keineswegs die Gemeinschaft der lesbischen Frauen. Das ist doch Diskussionsstoff; Zweierbeziehungen und soziale Lebensgemeinschaften, Engagement innerhalb der eigenen vier Wände oder innerhalb des sozialen Netzwerks aller lesbischer Frauen und der Queer Community, wie es heute so schön heißt. Vielleicht gibt es hier auf L-Talk weitere Kommentare, was wir unter Familie verstehen. Meine Familie sind meine lesbischen Freundinnen, die es bereits schon mein bisheriges lesbisches Leben lang mit mir ausgehalten haben und wohl auch weiterhin aushalten.

  2. A.S. sagt:

    Eine sehr gute Überlegung zum Thema Lebensformen allgemein!
    Auch ich fand diesen durchaus kritischen Dokumentarfilm zugleich auch sehr kitschig – wenn Markie beispielsweise mit Frau und Hund am Strand entlang läuft. Aber welche Vorbilder hat sie denn gehabt: die perfekte liebevolle Familie, die sich ihre mental inzestuöse Liebe in leeren Worthülsen gegenseitig vermittelte und in romantischen Filmchen dokumentierte? Markie folgt nur der Familientradition und wird Filmemacherin und bastelt sich eine Kleinstfamilie! Warum aber sie nicht den Kühlschrank voller Bier hat und ihr desillusionierter Bruder nicht schwul ist, wird für immer ein Rätsel bleiben.
    Es ist die Hoffnung der Queer Community, Solidarität abseits vom gesellschaftlich Gewohntem zu zeigen und nicht etwa für die Übernahme der konventionellen Ehe für Homosexuelle zu kämpfen und kuschlige Zweierbeziehungen, die sich nicht bewährt haben, wie die Scheidungsquote und die der Alleinerziehenden zeigt, nicht zu romantisieren.
    Doch müssen wir immer auch die gesellschaftlichen Verwerfungen im Blick haben, Konsum, Medien, Politik, Wirtschaft, Flexibilität im Arbeitsleben, die ein menschliches, naturnahes, künstlerisches Leben oder gar Zusammen-Leben erschweren.
    So müssen wir uns letztlich unsere Identitäten selbst erschaffen und ich erlaube mir eine Ketzerei: unter unmenschlichen Bedingungen gibt es nichts natürliches und so können wir stolz darauf sein, lesbisch, schwul, bi-, inter-, a-, transsexuell, transgender oder gar hetero zu sein.
    Die schönste Gemeinschaft ist die unter Brüdern, die sich verstehen und achten – ich wähle dieses fast christliche Bild für Ihre Aussage zur Bedeutung Ihrer lesbischen Freundinen in Ihrem Leben. Aber lasssen Sie uns vielleicht auch immer öfter Grenzen überschreiten zwischen Lesben, Schwulen und Heteros, zwischen Männern und Frauen, zwischen Nationen, Freunden und Feinden und anderen uns derzeit vorgegebenen Konstrukten.
    Auch die Einzigartigkeit einer Ich-Du-Beziehung hätte fernab von Trauschein und medialer Romantik immer wieder einmal eine Chance in der Vielfalt!

  3. A.F. sagt:

    ich habe den film leider nicht gesehen und würde dies gerne nachholen. wie komme ich denn jetzt an den film ran? kann mir da jmd weiterhelfen?
    vielen dank schonmal

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