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Lesbisch? Oder doch queer?

geschrieben am 16. Juni 2010 von Joni.T --> · 13 Kommentare

Bei feministing.com hat Miriam heute nochmal die spannende Frage aufgeworfen, wann eine sich als queer und wann als lesbisch bezeichnet.

Sie tritt dafür ein, queer zu verwenden: Weil der Begriff ein relativ umfassender, unspezifischer ist und weil er eine ganze Reihe Menschen nicht ausschließt. Queer, so schreibt sie, macht keine so klare Aussage über deine Geschlechterrollenidentität (sie schrieb gender) und über die Geschlechterrollenidentität der Person mit der du zusammen bist.

Ich verwende meistens lesbisch, weil es für mich – auch – ein stolzer politischer Kampfbegriff ist – einer, den Feministinnen meiner Generation als solchen kennen und schätzen, unabhängig davon, ob sie selbst mit Frauen leben. Eine frauenpolitisch sehr aktive nicht lesbische – aber durchaus queere – Freundin schrieb mir gerade eine Mail, sie müsse mich unbedingt treffen:

“Ich hab schon soooooo lange nix von Dir gehört und heute gleich 3 x das L Wort in die Mikros geredet. Wann hast Du Zeit, wie geht es Dir, wann sehen wir uns mal?”

Ob das auch passiert wäre, wenn wir damals queer statt lesbisch gewesen wären? Mal ausprobieren:

“Feminismus ist die Theorie, Queerness die Praxis! (???)

Hmmm. Wer weiß, ob das auch so gut funktioniert hätte. Die wunderbare subversive Aneignung des Begriffs lesbisch weit über eine sexuelle Orientierung hinaus, die Dekonstruktion des Lesbischseins bevor Dekonstruktion in wurde hatte schon was Queeres.

Außerdem verwende ich lesbisch, weil und wenn ich klarmachen will, dass ich mich als Frau identifiziere, meine Freundin sich auch, meine Freundin mich und ich sie und dass wir zusammen sind. Andere sollen uns als Frauenpaar sehen und wir wollen dass sie uns so wahrnehmen.

Obwohl ich mich, ganz für mich, eher queer fühle.

Und du? Lesbisch, queer oder noch was anderes? Was ist deine Definition?

_

Links und Quellen:

  • Miriam: What’s the difference between lesbian and queer?, feministing.com, 16.6.2010

mehr zum Thema: · , ,

13 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Susan // Jun 17, 2010 at 15:28

    wie fühlt sich das an, wenn du dich queer fühlst?

  • 2 Ulrike // Jun 17, 2010 at 22:44

    Na,das ist doch ganz klar : Lesbisch und das seit 20 Jahren und ein paar mehr….. aber das ist für mich gar nicht die Frage, interessanter ist für uns seit zwei Jahren die Frage was sind wir nun? verpaartnert? Na das hört sich doch eher wie eine Krankheit an! Oder doch verheiratet? Da vermutet aber doch Nicht-wissender wieder was falsches…. ach ein Dilemma wenn da nun die Frage nach lesbisch oder queer das einzige Problem wäre…!

  • 3 Ulrike // Jun 17, 2010 at 22:52

    Nachtrag
    war bis jetzt nur Leserin der ( tollen ) Seite aber irgendwann muß jede mal was schreiben!

  • 4 QX // Jun 19, 2010 at 00:07

    Ich sage meist, dass ich lesbisch bin. Ich bin eine Frau und liebe Frauen. Und das Wort “lesbisch” versteht jede_r und bedarf keiner näheren Erläuterung.
    Stehe ich wachen Menschen gegenüber, bezeichne ich mich aber immer öfter als queer – mit dem Nachsatz, dass ich Frauen liebe. Und erkläre dann, dass ich die Einteilung in biologische Geschlechter ablehne, weil …

  • 5 Joni.T // Jun 19, 2010 at 19:13

    Danke für die Frage, Susan. Du wolltest wissen

    wie fühlt sich das an, wenn du dich queer fühlst?

    Es fühlt sich unabhängiger an. Mich langweilt die Frauen-sind-so-und-Männer-sind-anders Diskussion fürchterlich. Auf lesbischen Veranstaltungen habe ich es mehrere Male erlebt, dass immer wieder das Thema Männer in den Mittelpunkt gerückt wurde … und zwar ausschließlich von Frauen, die sich als die lesbischsten aller Polit-Lesben präsentieren. Ich dagegen denke in meinem persönlichen Leben ganz wenig an Männer … als Gruppe. Die Aufteilung in Männer und Frauen ist bestimmt in einigen Bereichen sehr wichtig, aber für mein persönliches Leben spielt sie meistens keine Rolle. Ich möchte da raus, und das Lesbische hilft mir nicht dabei. Der Begriff lesbisch arbeitet mit dieser Zweiteilung … unterteilt sie sogar weiter in Untergruppen, statt sie zu überwinden und mal was Neues zu denken. Komplizierter ist ja nicht besser. queer kommt mir unkompliziert vor und vor allem offen dort, wo ich gern weiterdenken würde.

    Ich halte eine Aufteilung von egal-was in zwei Gruppen dem freien Denken nicht für zuträglich.
    Dennoch halte ich es wie QX, die schrieb:

    Ich sage meist, dass ich lesbisch bin. Ich bin eine Frau und liebe Frauen. Und das Wort “lesbisch” versteht jede_r und bedarf keiner näheren Erläuterung.

    Sowas Ähnliches hat sogar Judith Butler mal gesagt, sozusagen die operationalisierte Lesbe zum Identitfizieren und gesehen werden.
    Wie Ulrike schrieb (danke übrigens für deinen ersten L-talk Beitrag!):

    ach ein Dilemma.

  • 6 mazza // Aug 7, 2010 at 20:01

    Ich käme nicht auf den Gedanken mich als Queer zu bezeichnen – ich bin weiblich, lesbisch und bezeichne mich als Lesbe. Wenn es Frauen gibt, die das Wort Lesbe auch noch abschaffen wollen, kann ich das nicht nachvollziehen. Die Methode Frauen sprachlich unsichtbar zu machen, hat bei Frauen doch immer gut funktioniert. Es ist meine Identität, daß ich ein WEIBLICHER Mensch und LESBE bin.

  • 7 Liane // Aug 8, 2010 at 20:46

    Susan Hawthorne bringt es fuer mich auf dem Punkt

    Gender mainstreaming and queer politics
    Lesbians have been at the forefront of the movement for women’s liberation, for feminist activism, and for making it possible for lesbians to live lives against the grain. Lesbians have challenged the discourse of heterosexuality more thoroughly than any other group. But in the new era of global and social homogenisation, ‘queer’ is disappearing lesbians. The argument usually runs that queer is the word of choice for the younger generation (‘young’ is unspecified, it appears to extend from about 20 to 40 years of age). What is said is that young lesbians who call themselves queer socialise more with young gay men. The outcome of this is that many young lesbians no longer know their lesbian cultural history. Queer has become so inclusive that it doesn’t allow the space for lesbians to exist (Jeffreys 1993:79–98; Wilkinson and Kitzinger 1996:359–382; Jeffreys 2003).

    At a conference in 2003, in a discussion about queer, one academic noted that queer was useful politically in universities and that if she didn’t really want to be noticed she would use the term ‘queer’ to describe herself rather than the more confronting term ‘lesbian’.

    In the last few years another term — full of inclusivity — has come into use: LGBTI. LGBTI is short for lesbian/gay/bisexual/transgender/intersex. There are more arguments between the members of these groups than there are commonalities, and lesbians — even though they head up the list — can be quickly forgotten. More usual these days is GLBTI.

    We also find the term (and what a ragged term it is) ‘same-sex-attracted’. My immediate response is to wonder what this might mean. Is it enough to be “attracted”? Its usefulness as an inclusive term is too limited to whatever the hearer or reader can imagine. How many readers read same-sex as gay men? How many read it to mean lesbian? How many are so confused that neither image occurs to them.

    Where is the celebration of culture that one finds in the word ‘lesbian’ and its offshoots in various European languages? Where is the poetry? Where is music and song? The joy and outrageousness? The wild and passionate? The language of the twenty-first century is making lesbians retreat; it is clouding, obfuscating, euphemising lesbians out of the world.

    How much nicer say the government departments, the fearful politicians to hear the term ‘same-sex-attracted’. ‘Same-sex attracted’ reduces lesbians to a mechanics of robotified sexuality. It is formalin-covered sex. It is sex without fun, without emotion, without joy, without even the vagaries of distrust and betrayal. It is a clinical term stripped of feeling that does nothing for lesbian politics and cultures (Hawthorne 2003a).

    The process of mainstreaming in queer politics has led to a depoliticisation of lesbian politics. It also assists in the continuation of violence against lesbians through torture and in contributing to making lesbians invisible and non-existent yet again (Hawthorne 2006).

  • 8 Joni.T // Aug 8, 2010 at 20:52

    @Liane
    Wenn du einen eigenen klugen Gedanken hast, freuen wir uns, ihn hier zu lesen.

  • 9 H.P. // Aug 8, 2010 at 23:56

    Entschuldige Joni, wenn ich das mal so direkt sage, aber deine Art, andere zu kommentieren ist mehr als arrogant. Was meinst du mit “wir”? Ich finde den von ihr eingestellten Text interessant.

    Zum Thema: Sich queer zu nennen bedeutet sich selber als Frau und als Lesbe unsichtbar zu machen.

    Den klugen Gedanken hatte zwar Mazza als erstes hier, aber ich stimme dem voll und ganz zu. Es ist ein Argument, das für mich schon seit langer Zeit gilt, wenn es um das Wort queer geht.

  • 10 yvonne // Aug 10, 2010 at 15:41

    Viele Dank, Liane, für den Text von Susan Hawthorne (magst Du uns die Quelle geben?).

    Ich bin auch der Meinung, dass Wörter wichtig sind, um Geschichte und Kultur zu bewahren und zu transportieren. Für mich ist es wichtig die Begriffe lesbisch und Lesbe nicht zu verlieren. Ich erlebe sie nicht als einengend. Zusätzliche Merkmale meiner Identität werden dazu genommen um zu beschreiben “wer ich bin.” (white, American, activist, feminist, writer, teacher, mother, sister usw.)

    Für mich ist “queer” zu diffus, um als Begriff große Hilfe zu bieten und läuft Gefahr, die Welt erneut in zwei zu teilen: “straight” and “queer” oder nicht-queer und queer.

    Ich wünschte viel mehr Frauen würden sagen, “ich bin lesbisch.” So wird der Begriff großer und würde viele unterschiedliche Frauen beinhalten. Dadurch könnten einengende Clichés abgebaut. Koalitionen mit andere Menschen-Gruppen, wie auch immer sie sich definieren und nennen, um gemeinsame Ziele zu erreichen, werden trotzdem möglich.

  • 11 yvonne // Aug 11, 2010 at 13:13

    Interesting article about labels:
    http://www.afterellen.com/people/2010/08/going-with-the-flow?page=0%2C1

  • 12 mazza // Aug 22, 2010 at 15:37

    Mary Daly, lesbe/ feministin ist für mich immer wieder wegweisend – auch ihre frage, was ist eine lesbische frau: eine, die ihre sexualität auf frauen richtet. denken wir. nach Mary Daly ein trugschluss
    - wenn diese frau nicht zugleich frauen-identifiziert ist, ist sie bei ihr lediglich eine schwule frau oder weibl. homosexuelle. M. Daly behält sich den terminus `lesbe` f.d. beschreibung von frauen vor, die frauen-identifiziert sind, die falsche loyalitäten zu männern auf allen ebenen abgelegt haben. falsche loyalitäten bedeutet, sich nicht mehr männl. mythen, ideologien, stilen, praktiken, institutionen berufen zu fühlen.”
    für mich ein weiterer grund , die ` lesbe ` nicht im `queer-format` unsichtbar zu machen.

    danke an @ Liane für die info von Susan Hawthorne . die lesbe ist auch ein politischer begriff , steht sie an der spitze einer feministischen bewegung, die den diskurs der (zwangs-)heterosexualität gründlicher als jede andere gruppe in frage gestellt hat.

  • 13 Johanna // Sep 1, 2010 at 17:15

    @ Yvonne
    Danke für den Link zu dem Artikel über die Labels und die Darstellung von sexuellen Identitäten in der Popkultur.
    Er hat mich bewegt.
    Im Nachhinein finde ich, dass der ganze Separatismus, so wichtig er sich angefühlt hat, das Ergebnis nicht wert war. Er ist nicht weitergekommen. Die Frauen die ihm anhängen sagen immer wieder und immer noch das selbe, während ich mir wünsche, dass es auch moderne Deutungen für die heutigen Wirklichkeiten gibt.
    Dafür lassen die neuen queeren Theorien mehr Raum. Sie lassen auch sehr kritische Auseinandersetzungen zu, das unterscheidet sie ebenfalls von lesbischen Separatistinnen.

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