WOW, L-talk war zur Pride Parade in Stockholm! “Stolze Veteraninnen” titelte die eher konservative Tageszeitung Svenska Dagbladet in ihrer Sonntagsausgabe am nächsten Tag.
Sie meinte nicht uns. Trotzdem: eine bürgerliche Zeitung mit einem halbseitigen Farbbild lesbischer Damen auf der Titelseite und nochmal zwei Seiten mit Frauenschwerpunkt im Innenteil. Unglaublich. Schweden ist doch anders.
Stockholm hatte in diesen Tagen Regenbogen geflaggt: öffentliche Plätze, Theater, Brücken, Straßen, Schiffe, alle Busse, Taxis, Restaurants, Privathäuser, Geschäfte, Hotels … die Stadt zeigte Farbe.
“Es ist wichtig dass wir uns zeigen und vielleicht andere inspirieren können”,
sagte die 84jährige Ulla, die Mitgfrau des lesbischen ” Club Golden Ladies” ist, einer Gruppe im schwedischen Gleichstellungsverband RFSL. Tatsächlich wurde kaum eine Truppe bei der Parade so bejubelt wie die Golden Ladies, die in eigenhändig dekorierten Fahrradtaxis unterwegs waren.
Hochpolitisch verstehen sich die Golden Ladies, die auch Mitglieder im Stockholm Pride Verein sind, ebenso wie nahezu alle politischen Parteien der Hauptstadt und viele andere Organisationen.
Politisch und bunt
Stockholm Pride dauert eine ganze Woche und endet traditionell mit der Parade am Samstag. Vorausgegangen ist dann immer eines der großen Stockholmer Sommerfestivals mit jeder Menge Musik, Kultur, politischen Veranstaltungen, Parties, Treffen und so weiter. Im Szene-Stadtteil Södermalm scheint die Hetero-Bevölkerung in diesen Tagen in der Minderheit, obwohl der Pridepark, in dem die meisten Veranstaltungen stattfinden, seit diesem Jahr die Insel verlassen hat und nach Östermalm in den nördlichen Tiergarten umgezogen ist.
Das hat auch dazu geführt, dass es eine sehr besondere Route gab: Nach dem Zug durch Södermalm ging es am Königspalast vorbei und dann weiter über den Strandvägen, Stockholms Prachtstraße, auf der gerade erst Kronprinzessin Victoria mit der Hochzeitskutsche …
Die königlichen Hoheiten waren bei der Parade nicht zu sehen und auch erfreulich wenig betrunkene Personen mit übersexualisiertem Verhalten. Ob das daran liegt, dass immerhin schon eine ganze Woche Gelegenheit zum Feiern war oder daran, dass Stockholm Pride von seinem Selbstverständnis her politischer ist als viele große deutsche CSD-Vereine?
Thema 2010: Macht
Es ging um Macht in der diesjährigen Pride-Woche: um Machtstrukturen, positive und negative Formen von Macht und den Umgang damit. Macht als diskriminierende Struktur in der Gesellschaft war ein großes Thema bei vielen Veranstaltungen, ebenso die Macht, die Einzelne sich aneignen können, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und etwas zu bewirken: einen Unterschied zu machen.
Die politischen und viele der kulturellen Veranstaltungen fanden im Pride House statt, zentral am berühmten Sergels Torget gelegen.
Beim Thema Macht ging es nicht zuletzt um die anstehenden Wahlen im September 2010. In Skandinavien sind Minderheitsregierungen ganz normal, zuletzt regierten die Sozialdemokraten bis 2006 in einer Minderheitenregierung und arbeiteten vorwiegend mit den Grünen und der Linkspartei zusammen. Aus dieser Zeit stammt die materielle Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften mit heterosexuellen Ehen. Die Einführung eines geschlechtsneutralen Eherechts gelang jedoch nicht mehr, weil die damalige Opposition dagegenhielt.
Seit den Reichstagswahlen 2006 regiert eine “Allianz für Schweden”, die aus Zentrumspartei, Christdemokraten, Volkspartei und Moderaten besteht. Bis auf die Christdemokraten unterstützten diese Parteien die Gleichstellung im Eherecht, so dass das neue geschlechtsneutrale Ehegesetz gemeinsam mit der Opposition beschlossen wurde. Es trat zum 1. Mai 2009 in Kraft.
Wahlkampf in Schweden
Macht nehmen und Macht ausüben spielt im Wahlkampf auch in LGBTQ-Zusammenhängen eine große Rolle, weil die Diskriminierungsstrukturen subtiler geworden sind. Auch wenn an der Pride Parade in Stockholm Organisationen teilgenommen haben, die in Deutschland, ganz zu schweigen von anderen Staaten, kaum als homo-freundlich gelten können, ist noch nicht alles gut … und auch das war Thema bei Stockholm Pride 2010.
Lesbische Polizistinnen und Polizisten waren mit eigenem Wagen dabei, Soldatinnen und Soldaten, der Zoll, Pflegedienste, Berufsverbände, Lehrkräfte, fast alle politischen Parteien, muslimische und kurdische Gruppen, Menschen mit Behinderungen, Gewerkschaften, Regenbogenfamilien, ”stolze Angehörige” und viele mehr.
Diskriminierung am Arbeitsplatz ist – bei aller offiziellen Gleichstellung – auch in Schweden noch ein großes Thema.
Wir allerdings waren als Touristinnen da. Und für uns war es vor allem ein Riesen-Erlebnis, wie eine ganze Stadt auf den Beinen ist, um die Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transpersonen zu feiern: Zehntausende bei der Parade und um die Parade herum, Heteros ohne jede Berührungsangst, Regenbogenfahnen überall und all diese selbstbewussten starken Frauen.
Nächstes Mal, das haben wir uns vorgenommen, gehen wir mit einem Schild “Stolte Turister” – stolze Touristinnen.
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Links und Quellen:
- Wir haben noch viel mehr fotografiert und die Bilder in unser Picasa-Album gestellt. Wie immer gilt: Ja, ihr könnt gern welche verwenden, Quellenangabe (Bild: www.l-talk.de)
- Homepage von stockholmpride.org mit noch mehr Bildern und Texten
- Club Golden Ladies, goldenladies.nu
- QX-Fotografin Sara Lindquist hat sich bei der Parade auf Frauen Konzentriert: Kvinnor, kvinnor, kvinnor, zu sehen bei qx.se
- Mehr zu Schweden bei L-talk




Schöner, informativer Bericht über den CSD in Stockholm und tolle Fotos! Danke. – Und herzlich willkommen wieder daheim. Es grüßt aus dem Regen in Berlin – Andrea
Mir hat die Parade richtig gut gefallen. Wir sind die ganze Strecke mitgelaufen, was 2,5 Stunden gedauert hat. Es waren weit mehr Fußgruppen unterwegs als Wagen, auch erfreulich wenig wumm-wumm-disco-Wagen. Angeführt haben den CSD die “Dykes on Bykes”, gleich gefolgt vom RFSL, das ist der schwedische Lesben- und Schwulenverband (man muss sich mal vorstellen: der LSVD führe den CSD Berlin an und alle wären begeistert!).
Apropos Begeisterung: Bei den Fußgruppen waren solche dabei wie “Stolze Eltern homosexueller Kinder” oder “Stolze Schwester” (stolta syster) oder stolze Brüder. Und das Publikum hat uns, die Mitlaufenden immer wieder bejubelt und beklatscht. Besonders viel Jubel bekamen die Gruppe der Polizistinnen und Polizisten und die vom öffentlichen Personennahverkehr. Stellt euch vor, Ihr werdet bejubelt und beklatscht, weil Ihr lesbisch seid.
Schweden ist *doch* anders.
Positiv aufgefallen ist mir auch die Abwesenheit von schwuler Übermacht oder schwuler Dominanz. Es waren genauso viele Lesben da wie andere auch, sowohl bei den Mitlaufenden als auch bei den Zuschauenden. In Schweden gibt es auch keine Trennung in Lesben und Schwule, sie heißen einfach HBT (Homosexuellee, Bisexuelle, Trans). Und von vielen wusste ich nicht ob sie LGBTIQ oder hetero oder … waren. Das war auch egal. Und alle haben sich gefreut und die Stimmung war sehr sehr fröhlich und ausgelassen.
Auch die Abwesenheit von Sexismus ist in ganz Schweden wohltuend, nicht nur bei der Pride-Parade. Zwei Wochen ohne Werbung für “sexy Girls”, sichtbarer Prostitution oder alltäglicher Sexualisierung sind äußerst wohltuend.
Und wir waren einfach *normal*. Als Paar, als Lesben, als Ältere, als Touristinnen. Das war schon klasse!
Stort tack :-)