L-talk

locker lesbisches Tagesgeschäft jenseits der 40

L-talk header image 2

Umpolung gefällig?

geschrieben am 3. April 2009 von Renate Rampf --> · 8 Kommentare

Über eine alltägliche Drohung

„Hey, ich bin ein begabter Lesbenumdreher!“ – welche kennt sie nicht, diese widerlichen Reaktionen von heterosexuellen Männern, wenn sie bemerken, dass ihr Gegenüber lesbisch lebt. Im Zug, auf dem Schulhof, auf der Familienfeier – überall meinen sie zu wissen, dass Lesben von dem richtigen Mann bekehrt werden können und wollen.

Formuliert als Angebot, das Umdrehen persönlich zu übernehmen, gilt so eine Reaktion als normal, als typisch männlich, bestenfalls als peinlicher Spruch. Den Tätern fehlt jedes Unrechtsbewusstsein, sie sind gestärkt von der Allgegenwart der Heterosexualität und finden Bilder für ihre Phantasien in den sogenannten „Lesbenpornos“. Aber auch die betroffenen Lesben tun sich schwer damit, die Unverschämtheiten anzuprangern.

Ist es denn wirklich so schlimm? Was geschieht da überhaupt? Ein dummer Spruch, ein Angebot zu Sex wider Willen, eine Androhung von Vergewaltigung – jeder bleibt es individuell überlassen, den Übergriff zu bewerten. War es nicht vielleicht sogar nett gemeint? Warum fühlt es sich so verdammt furchtbar an, das zu hören? Keine kennt eine Norm, die einen entsprechenden Schutzzweck formulieren würde. Und wäre das überhaupt notwendig? Ein alltägliches Phänomen des lesbischen Lebens findet keine Worte. Es wird weder in der Theorie noch in der Politik thematisiert.

Ein schwuler Kuss, ein lesbischer Kuss: die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Studien zeigen, dass etwa jeder zweite Mann den Kuss zwischen zwei Männern abstoßend findet, aber nur jeder zehnte äußert das Gleiche in Bezug auf Frauen. Schwule sind ekelig, aber Lesben sind geil. Hinter der vermeintlich größeren Akzeptanz gegenüber Lesben verbirgt sich der Wunsch zur erobernden Bekehrung. „Kann ich mitmachen?“ gilt gemeinhin als Chiffre für die Großzügigkeit von heterosexuellen Männern. Keiner Lesbe gilt diese vermeintliche Toleranz, nicht dem lesbischen Leben und schon gar nicht der weiblichen Homosexualität, sondern allein der von vielen heterosexuellen Männern so ausgiebig gepflegten Vorstellung, mit zwei Frauen Sex machen zu können. Was die wollen, tut dabei nichts zu Sache.

Umpolungsseminare, wie sie etwa Wüstenstrom oder die Akademie für Psychotherapie und Seelsorge anbieten, werden inzwischen öffentlich angeprangert. Auch sie kommen harmlos daher, im wissenschaftlichen oder therapeutischen Gewand. Und auch dort werden die Anbieter behaupten, sie handelten in bester Absicht. Erst massive Gegenwehr, Informationen und Kampagnen haben dazu beigetragen, dass sich Politik, Medien und Wissenschaft mit dieser Form der Homosexuellenfeindlichkeit beschäftigen mussten. Nicht zuletzt dem LSVD ist es zu verdanken, dass inzwischen die Gewalttätigkeit und der subtile Hass dieser so offen formulierten Angebote gesehen werden kann.

Gewalt gegen Lesben ist immer mal wieder ein Thema. Fälle von körperlicher Gewalt und Diskriminierungen werden gezählt und nicht selten fordern die Redenden, der Gewaltbegriff müsse diskutiert werden. Dabei müsste man ihn nur nutzen: Das auf das lesbische Leben anwenden, was an anderen Stellen mit scharfen Worten wie Nötigung, Drohung und sexueller Gewalt angeprangert wird. Oder besser weiterhin schweigen, weil Lesben es so satt haben, Opfer zu sein? Die Schwulen konnten an dieser Stelle schon einiges erreichen. Überfalltelefone und Antigewaltarbeit haben Tabus gebrochen und das Selbstbewusstsein gestärkt. Da gäbe es doch vielleicht etwas, was Lesben noch lernen könnten.

Aus: respekt! Zeitschrift für Lesben- und Schwulenpolitik, April 2009

mehr zum Thema:

8 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Joni.T // Apr 4, 2009 at 00:37

    Spannender Artikel!
    Ich glaube, wir haben auch eine ganze Reihe von Gewalt-Tabus gebrochen … Tabus, die mit Gewalt gegen heterosexuelle Frauen in heterosexuellen Beziehungen zu tun hatten. Das hat aber leider nicht unser Selbstbewusstsein gestärkt. Hoffentlich hat es wenigstens ihnen geholfen.
    Solche Arbeit in eigener Sache auf die Beine zu stellen, wär’ nochmal ‘ne richtige Herausforderung.

  • 2 Konny // Apr 4, 2009 at 06:08

    Danke, dass das mal eine aufgeschrieben hat! Ich leide schon seit 30 Jahren daran, dass meine sexuelle Orientierung *für andere* immer wieder eine Herausforderung ist!!!

  • 3 Monika // Apr 6, 2009 at 16:28

    Vor Jahren war ich mal in Psychotherapie(Körperorientiert), meine Therapeutin hat mich eher unterstützt meine Sexualität zu entdecken. In einer Therapiestunde outete sie sich dann selbst. Es war sehr schön zu wissen, daß es auch lesb/bi Therapeuten gibt!
    Leider lese ich immer wieder von diesen “Umpolartikel”, aber der Artikel 1 des Grundgesetzes wird missachtet. Die Würde des Menschen… Jeder Mensch, hat eine Würde!

  • 4 Christina // Apr 11, 2009 at 11:14

    Wahre Worte!
    Leider sind solche Erlebnisse ja weder dramatisiert noch Ausnahmen.
    Gerade jetzt sind ja wieder aktuell versteckte “Umpolungstherapeuten” in den Medien. Besonders empörend – steht der/die zu therapierende nicht direkt und stolz zu seiner Orientierung, sind die “Bekehrungsmaßnahmen” sogar offiziell empfohlen!

    Obwohl wir im 21. Jhd leben und es uns sicher besser geht als je zuvor, bestehen weiterhin viele Probleme im öffentlichen Leben.
    Zum Glück habe ich persönlich sehr sehr positive Erfahrungen im Familien- und Berufsumfeld gemacht – leider geht das halt nicht allen so…

  • 5 Wolfskatze // Apr 12, 2009 at 19:48

    Ja, ich hatte auch schon gewisse Gespräche mit entsprechenden Leute gehabt. Damals fand ich es komisch (war kurz nach meinem Outing), heute eher nervig und respektlos.

    Da frage ich mich aber mal eine Runde, gibt es Frauen, die sich als Schwulenumdreherinnen verstehen? Ich habe bisher das noch nicht gelesen, gehört und erlebt.

  • 6 Pfeffer Minze // Feb 3, 2010 at 13:54

    Danke für den Artikel! Ich habe ihn übersetzt und für die Leserinnen der radikalfeministischen Zeitschrift “Ostrov” (”Insel”) zugänglich gemacht. Hinweis auf die Quelle war selbstverständlich :-)
    Wir in unserer Miniredaktion würden uns freuen, wenn wir auch auf andere Beiträge zurückgreifen könnten.

  • 7 yvonne // Feb 4, 2010 at 10:59

    Als eine der spät im Leben lesbisch wurde höre ich solche Sprüche nicht – evtl. weil ich “zu alt” bin, um als sexuellen Objekt leicht durchzugehen, oder weil die Beziehungen mit Männer mich nicht “geheilt” haben. Ich denke, dass es gut wäre wenn Frauen schnelle Antworten regelrecht “üben” könnten, vielleicht mit einer Prise Ironie , um die Männer die solche Spüche klopfen gekonnt zu kontern.

  • 8 Naomi // Mai 9, 2010 at 15:01

    Das beschreibt genau das Problem das wir haben: Schwule werden als “eklig” abgestempelt, während wir Lesben oft nicht ernst genommen werden. Traurig, aber wahr: Wenn ich auch der Straße angequatscht werde, hat es überhaupt keinen Zweck für mich zu sagen : “Sorry ich bin lesbisch und hab ne Freundin.” Im Gegenteil: Das finden die meisten noch geil.
    Danke für diesen Artikel.

Schreib einen Kommentar