Erstaunliche Attribute werden mit dem neuen Außenminister kombiniert und das ungewöhnlichste – im Zusammenhang mit einen Außenminister – ist bislang “schrill”. Tatsächlich scheint die bürgerliche Presse ihre CSD-Berichterstatter auf die FDP los gelassen zu haben:
“Schonungslos und schrill” findet der Spiegel die Performance des FDP-Vorsitzenden, die Rheinische Post stellt eine “Rückkehr des schrillen Guido” fest während ihre Therapie-Abteilung ihm zwecks Erklärung des Schrill-Symptoms “Panik ob des Liebesentzugs in den Umfragen “diagnostiziert, und der Stern bemüht sich nicht einmal, zwischen dem einen und dem anderen einen Zusammenhang herzustellen: “Und dann sprach er, spitz und schrill, einmal mehr über die fehlende ‘Leistungsgerechtigkeit’ in Deutschland.”
Bei der Financial Times reicht verbal-Rhetorik allein nicht aus, Westerwelle “schlägt wild um sich”, während er sich, als gehe es ihn eigentlich nichts an, “mit schrillen Wortmeldungen in die Hartz-IV-Debatte einmischt”; der ganze “Auftritt gerät ein wenig schrill” … und selbst das Hamburger Abendblatt, das immerhin auf das Recht zur Meinungsäußerung verweist, relativiert seinen Rückfall in rechtsstaatlichen Anstand umgehend mit dem Hinweis darauf, Westerwelles Kritik wirke “natürlich (…) manchmal schrill und überspitzt”.
Nun ist Herr Westerwelle keineswegs Außenminister geworden, weil er schwul ist und er ist auch nicht Außenminister geworden, obwohl er schwul ist. Auch die FDP hat ihr Stimmenergebnis bei der Bundestagswahl weder erzielt, weil Herr Westerwelle schwul ist noch trotzdem. Es gibt keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen, und eine kurze Zeit lang schien so etwas wie Normalität eingekehrt: Es gab, ebensoviel oder wenig wie so etwas bei den Heteros gang und gäbe ist, freundliche Nebenbemerkungen darüber, dass der Außenminister von seinem Partner auf eine Auslandsreise begleitet wurde und es wurde darauf geschaut, welche Rolle die Einhaltung der Menschenrechte in den Gesprächen des Ministers spielte.
Das galt, so lange Herr Westerwelle sich anpasste, die Rolle spielte die von ihm erwartet wurde und nicht und nirgendwo aneckte. Schwul, “schrill”, “überspitzt”, “um sich schlagend” und so weiter wurde er erst wieder beschrieben, als er eine Meinung vertrat, die viele doof finden, oder unsozial, oder unsolidarisch, oder marktradikal, oder neoliberal, oder falsch. Das – also die Vermischung des einen mit dem anderen zu dem Zweck, jemanden herabzuwürdigen und seine Meinung zu diskreditieren – hieß früher homophob, und so sollte es auch heute noch bezeichnet werden.
Was bei dieser Angelegenheit fehlte und immer noch fehlt, ist er empörte Aufschrei von Lesben und Schwulen. Im Gegenteil.
Homophobie von außen wird ergänzt durch die “internalisierte Homophobie”: die Form, in der Lesben oder Schwule sich selbst oder andere Lesben und Schwule hassen, ablehnen oder verächtlich machen.
Auch dieses Mal fehlt es daran nicht:
Die Initiatoren von “Gays gegen Guido” haben nichts Besseres zu tun, als sich vom FDP Vorsitzenden und Außenminister zu distanzieren. Eine ganz normale Kampagne von Schwulen gegen einen Politiker, die nichts mit seiner sexuellen Orientierung zu tun hat? Unsinn. Da gäb’s, wenn’s um die Meinungsbildung an sich ginge oder darum, eine Politik aus lesbischer oder schwuler Sicht zu kritisieren, wirklich genug Alternativen, notfalls auch mit Alliteration:
- Gays gegen Guttenberg
- Pfeministinnen gegen Pofalla
- TomBoys gegen Brüderle
- Schwestern gegen Schäuble
- Lesben gegen Leutheusser-Schnarrenberger
… und so weiter.
Ist aber nicht so. Es gibt keinen Aufschrei gegen die unsachliche, mit sexualisiertem Vorurteil versehene Berichterstattung … statt dessen erfolgt eine Distanzierung von dem Betroffenen. Das ist ziemlich eklig.
Links und Quellen:
- Severin Weiland und Veit Medick: Westerwelle verzockt FDP-Bonus, Spiegel online 15.02.2010
- Sven Gösmann: Die Rückkehr des schrillen Guido, RP online 15.20.2010
- “Da schäumt der Chiemsee”, Berichterstattung zum politischen Aschermittwoch, Stern.de, 17.02.2010
- Kai Beller: Westerwelle greift zum Holzhammer, Financial Times online Ausgabe ftd.de, 12.02.2010
- Matthias Iken: Gleichheit ist nicht gerecht, Hamburger Abendblatt online Ausgabe abendblatt.de, 17.02.2010
- “Gays gegen Guido” zum selbst Googeln
10 Antworten bis jetzt ↓
1 myriam // Feb 21, 2010 at 20:02
sorry,
ob schrill oder un-schrill, ich als alg 2 beziehende
lesbe, die sich ausdauernd um einen arbeitsplatz
bemueht , kann wenig sympathie entwickeln
fuer Herrn Westerwelle und als opfer von
homophobie sehe ich ihn auch nicht.
ob hetero oder homo: macht ist, kanzlerin hin oder her, meist maennlich.
und armut ist haeufig weiblich.
2 Joni.T // Feb 21, 2010 at 20:16
Liebe Myriam,
du hast mit allem was du schreibst, völlig Recht. Aber darum geht es in dem Posting nicht. Es geht darum, dass man Leute, die Blödsinn reden, für den Blödsinn angreifen soll …
… und nicht stattdessen auf eine Weise, die mit bestimmten Attributen auf ein (vermeintliches) Tunten-Image abzielt.
3 Konny // Feb 21, 2010 at 23:37
Vorhin um 19 Uhr im ZDF in der heute-Sendung sagte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel wortwörtlich: “Anders als schrill kommt er ja nicht durch. Das ist das einzige, was er versucht, durch Lautstärke die Dummheit seiner Argumente zu übertönen (…)”.
Früher (also 2009 und davor beim CSD) waren Tunten schrill. Jetzt sind es auch Außenminister.
Quelle:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/166#/beitrag/video/978090/ZDF-heute-Sendung-vom-21-Februar-2010
Minute: 5:19 ff
4 myriam // Feb 22, 2010 at 01:15
nun, ehrlich… gegen einen tuntigen aussenminister
haett ich rein garnichts.
das waere doch mal ein anderes deutsches maennerbild -
haendchenhaltend mit dem lebensgefaehrten beim staatsempfang moeglichst dezent im
rosa hemd …. toll..! und das am besten beim staatsbesuch in saudi-arabien etc. leider:
mit dem gerede ueber die ‘roemische dekadenz’
versucht Herr Westerwelle sich ja wohl gerade
als markiger ‘kerl’ zu profilieren.
sehr zur freude von bildzeitung und co.
5 francis // Feb 22, 2010 at 11:33
Ich finde die Darstellung hier im Blog etwas vereinfachend, denn zumindest hinter der Button-Aktion von Wolfgang Müller steckt schon eine ziemlich durchdachte Argumentation, die sich detailliert mit Guido Westerwelles Politik auseinandersetzt und nicht nur “internalisierte Homophobie”; Interview zum nachlesen:
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=2318080&
6 Yvonne // Feb 23, 2010 at 10:41
Ich finde auch, dass der Kritik an Westerwelle berechtigt ist. Meine Meinung nach wirft er mit populistische Aussagen um sich, ist noch nicht bei seine neue Rolle as Außenminister angekommen. Dass Gays ihn kritisch betrachten und nicht nur seine sexuelle Orientierung hochhalten ist positiv. Wir haben es als Feministinnen über Jahre machen müßen – nicht jede Frau hilft Frauen voran zu kommen.
7 Joni.T // Feb 23, 2010 at 11:57
Man kann natürlich zu jedem Thema kommentieren zu dem man will und was man will … aber um Kritik an Westerwelle und darum, ob diese berechtigt ist, ging es in meinem Beitrag nicht. Das steht da auch nirgendwo.
Es ging darum, dass das eine – Attribute, die im- oder explizit auf die sexuelle Orientierung gemünzt sind – verwendet wird, um das andere – die inhaltliche Aussage – herabzuwürdigen.
Und genau das haben wir Feministinnen immer (!) strikt zurückgewiesen. Kritik in der Sache ja, aber nicht mit Polemik, die auf’s Frausein zielt statt auf das was wir gesagt haben.
8 pfefferkorn // Feb 24, 2010 at 12:51
sollte es wirklich so sein, dass eine in den geruch kommt, eine freundin -welles zu sein, wenn sie darauf hinweist, dass es genauso doof ist, welle, weil er schwul ist neuerdings “schrillheit” zu unterstellen, wie merkels hosenanzüge zum politikum zu machen?
wäre schade …
die “gays gegen guido” – argumentation als internalisierte homophobie zu interpretieren, geht meiner ansicht nach an der sache vorbei –
mueller wirft -welle vor, dass es sein schwulsein nicht offensiver vorträgt und erwartet schwulen aktivismus von -welle.
Er findet, -welle möge der “bewegung” dankbar sein, dass er jetzt als schwuler
-minister sein “darf” und müsse sich dieser gegenüber “erkenntlich” zeigen.
Menschlich verständlich, politisch nicht auf meiner linie, aber eine mögliche argumentation und meinetwegen auch möglicher (wenn vielleicht auch nicht sinnvoller) inhalt einer kampagne.
trotzdem gebe ich zu bedenken, dass ich die aktion “gays gegen guido” weniger als politischen aktivismus denn als kunstaktion schätze (was immer das dann bedeutet…. ich bin ein mueller – fan, weil ich ein fan der tödlichen doris war, einer kunstaktion aus seinen früheren zeiten )
wirklich himmelschreiend frech ist die berichterstattung und der ton, den sich die pressemenschen da erlauben.
ich war auch ziemlich entsetzt, als ich mal durch die faschingsübertragungen gezappt habe, da wurde die -welle aufs ungeheuerlichste aufs korn genommen, so dass ich mich geschämt habe, dass ich gebühren bezahle…
das scheint jetzt eine neue variante von sexismus zu sein und ich werde das nicht akzeptieren, sondern mich beschweren.
jawoll :-)!
9 Angelina G. S. // Mrz 1, 2010 at 14:28
Also man mag über Herrn Westerwelle denken, wie man mag und zu diesem “Herrn” habe ich eine sehr eigene Meinung, weil ich auch eine von denen bin, die unglücklicherweise derzeit von Hartz IV leben zu müssen ohne es zu wollen.
Ihn gleichwohl wegen seiner Neigungen anzugreifen, finde ich unmöglich.
Da sollte man durchaus das politische vom privaten trennen können.
10 Sally // Mrz 2, 2010 at 09:54
Hallo,
hier noch ein Beispiel, wie jemand (Thilo Sarrazin, Spiegel Online, 02.03.2010) nur mit schwulenfeindlichen Äußerungen “deutliche Worte” verwendet. Echte Argumente nennt er nicht. Dazu scheint er intellektuell zu unfähig zu sein, sonst hätte er es ja getan.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,680976,00.html
Thilo Sarrazin attestiert Westerwelle geistige Armut
Geistige Armut benennt Sarrazin mit den homophoben Worten:
Hartz IV: “Kalt duschen ist doch eh viel gesünder. Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben.”
Sarrazin attackierte das Gutachten in der “Süddeutschen Zeitung” als intellektuell und moralisch “unsauber, schleimig und widerlich”. Zum Ausgang des Parteiordnungsverfahrens sagte er: “Das stehe ich völlig bewegungslos durch.”
Das ist billigste unterste Polemik. (…)
Also wirklich, da müsste man mal ganz böse zurückschlagen. Da könnte ich glatt zur Domina werden bei der widerlichen politischen Bashing-Äußerung von Sarrazin. Seine Anspielungen gehen zu weit, sind zu homophob, finde ich.
Sally
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